Geliebter Meister! 1

Für Ihren langen lieben Brief 2 unendlichen Dank und für alles Lehrreiche darin! Ihre IX. wird mit solchem Fleiss und Eifer studiert[,] dass von einem „Lesen“ wohl die Rede nicht sein kann – taktweise und infolgedessen sehr langsam. Immer mehr und mehr staune ich über die feinen, subtilen Zusammenhänge die Sie aufdecken, und die am Kunstwerke das begründen, was unbekannt und unbenannt die Überzeugung des Grossen erweckt, die der Laie aus seinen „Gefühl“ bezieht!

Nachdem die ersten 2 Quintett Sätze fertig waren beschloss ich ein wenig auszuruhen, konnte mich aber doch eines Scherzos nicht erwehren, das in mir rumort und dessen Trio einzig und allein noch fehlt, während das andere 3 schon ein wenig skizziert aus dem Halbdunkel tritt. Nun wird die Arbeit doch durch eine Reise unterbrochen, die mich auf Besuch zu meinem einzigen, lieben Freunde Spiegler nach Pontresina in die Schweiz führt. Am 16. August werde ich dort anlangen um eine Woche daselbst und eine zweite Woche auf einer kleinen Rundtour in fröhlicher Stimmung zu verleben. Hernach wieder Ischl und neuerdings Ringkampf mit dem Quintett – so hoffe ich Ende September bei Ihnen mit der reinen Partitur erscheinen zu dürfen!

Ich habe jetzt mehr denn je das Verlangen nach jenem Klavierspiel das ich an Ihnen und Ihrer Schülerin bewunderte, und hoffe dass Professor Violin 4 von mir genug hat! Wahrlich nicht aus Undankbarkeit, das wissen Sie, Liebster, so gut wie ich er selbst begreifen würde! Könnten Sie nicht doch schonungsvoll ihn bedeuten?

{2} Was die Harmonielehrevorlesungen 5 betrifft zweifeln Sie doch gewiss! Denken Sie an meine dummen Gesichter der ersten Stunden! Und nun erst eine Masse! Sind nicht doch Perlen vor die Säue geworfen?

Lese jetzt die Brahmsbiographie einer Engländerin Florence May die in einem einleitenden Kapitel Interessantes über Äusserungen Brahms zu sagen weiss. Klara Schumann übergab sie als Schülerin für kurze Zeit dem Meister; ich zitiere einiges:

Sie erzählte B. von den Schwierigkeiten des Handmechanismus beim Klavierspielen: Er antwortete: „Ja das muss zuerst kommen“ und nachdem er eine Etüde aus Clementis Gradus ad Parnassum 6 von mir angehört hatte, begann er sofort meine Finger zu lockern und auszugleichen. Denselben Tag fing er an[,] mich allmählich durch den ganzen Kursus technischer Ausbildungen zu führen indem er mir zeigte[,] wie ich am besten zur Erreichung meines Zieles an Arpeggien, Trillern[,] Doppelgriffen und Oktaven arbeiten sollte. — Er glaubte nicht, dass es nützlich für mich sei, die gewöhnlichen Fünffingerübungen zu machen, sondern zog es vor aus den Stücken oder Etüden, mit denen ich mich grade beschäftigte, Übungen zu bilden. Eine schwierige Stelle bearbeitete er häufig indem er mich dieselbe nicht so wie sie geschrieben war, überliess sondern mit andern Akzenten und verschiedenen Figuren . . . . — oder:

„Am Schlusse der ersten dieser beiden Mozartstunden sagte ich ihm: „Alles was Sie heute gesagt haben, ist mir ganz neu.[“] (!) „Es steht alles da“ erwiderte er,[„] auf die Noten deutend![““]

{3} Schade, das dieses Werk nicht mehr sachliche Äusserungen bringt.

Frau Lorle Meissner werde ich ba also wegen der Lieder schreiben und danke ich Ihnen im Vorhinein dafür!

Vielleicht könnten Sie mir nach Pontresina Pontresina Pension Collina ein paar Zeilen schreiben! Ich bin vom 16. August bis 22. incl. dort. Es würde riesig freuen Ihren Sie innigst verehrenden und liebenden


[signed:] Hans.
10. August 1912.

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2007



Beloved Master, 1

Endless thanks for your long and precious letter 2 and for all the instructive things it contains! Your Ninth Symphony will be studied with such diligence and eagerness that "reading" won't be the word for it ‒ measure-by-measure, hence very slowly. I am more and more astonished at the refined and subtle relationships that you uncover, and that establish for the artwork that which awakes, unknown and unnamed, the conviction of greatness that the layman gets from his "gut feeling"!

Once the first two movements of my Quintet were finished, I resolved to take a short break. However, I simply could not keep at bay a Scherzo that was rumbling around in my mind, only the Trio of which was still lacking, while the other movement, 3 already partway sketched, was beginning to emerge from the shadows. Now the work will have to be interrupted for a journey that will take me to visit my one and only dear friend Spiegler in Pontresina in Switzerland. I shall arrive there on August 16 and spend one week there and a second week in cheerful spirits on a short tour. After that, back to Ischl to wrestle anew with the Quintet. So I hope to be able to appear at your place at the end of September with a fair copy of the score!

More than ever now I yearn for the piano playing that I admired in you and your lady pupil, and hope that Professor Violin 4 has had enough of me! Genuinely not out of ingratitude ‒ you know that, most beloved [Master], as well as I he himself would appreciate. So could you not be merciful [to me] and take his place?

{2} As concerns the harmonic theory lectures, 5 you may well have misgivings! Think of my stupid faces during the initial lessons! And now for the first time, a crowd! Are not pearls cast before swine?

Am currently reading a Brahms biography by an English woman, Florence May, who has interesting things to say in an introductory chapter about remarks that Brahms made. Clara Schumann passed her on as a pupil to the master for a short time. Let me quote a few things:

She told Brahms of the difficulties she had with the mechanics of her hand while playing the piano. "He replied: 'Yes, that has to take priority' and after he had listened to me playing an etude from Clementi's Gradus ad Parnassum 6 he immediately began to relax and equalize my fingers. The same day, he began taking me gradually through the whole course of technical training, while showing me how best I should work to attain my goal by means of arpeggios, trills, two notes in each hand, and octaves. — He did not believe it profitable for me to play the customary five-finger exercises, but instead favored devising exercises direct from the pieces or etudes on which I was actually working. He frequently rearranged a difficult passage by giving it to me not as it was written but with altered accentuation and different figurations . . ." –or:

"At the end of the first of these two Mozart lessons, I said to him: 'Everything that you have said today is totally new to me.'(!) 'It is all there,' he responded, 'in the notes themselves'!"

{3} What a pity that this work does not pass on remarks that are more substantial.

So I will write to Mrs Lorle Meissner regarding the songs: thank you in advance for that!

Perhaps you could drop me a line to Pontresina, Pension Collina. I shall be there August 16 to 22 inclusive. It would give me enormous pleasure to yours with deepest respect and love,


[signed:] Hans
August 10, 1912

© Translation Ian Bent, 2007



Geliebter Meister! 1

Für Ihren langen lieben Brief 2 unendlichen Dank und für alles Lehrreiche darin! Ihre IX. wird mit solchem Fleiss und Eifer studiert[,] dass von einem „Lesen“ wohl die Rede nicht sein kann – taktweise und infolgedessen sehr langsam. Immer mehr und mehr staune ich über die feinen, subtilen Zusammenhänge die Sie aufdecken, und die am Kunstwerke das begründen, was unbekannt und unbenannt die Überzeugung des Grossen erweckt, die der Laie aus seinen „Gefühl“ bezieht!

Nachdem die ersten 2 Quintett Sätze fertig waren beschloss ich ein wenig auszuruhen, konnte mich aber doch eines Scherzos nicht erwehren, das in mir rumort und dessen Trio einzig und allein noch fehlt, während das andere 3 schon ein wenig skizziert aus dem Halbdunkel tritt. Nun wird die Arbeit doch durch eine Reise unterbrochen, die mich auf Besuch zu meinem einzigen, lieben Freunde Spiegler nach Pontresina in die Schweiz führt. Am 16. August werde ich dort anlangen um eine Woche daselbst und eine zweite Woche auf einer kleinen Rundtour in fröhlicher Stimmung zu verleben. Hernach wieder Ischl und neuerdings Ringkampf mit dem Quintett – so hoffe ich Ende September bei Ihnen mit der reinen Partitur erscheinen zu dürfen!

Ich habe jetzt mehr denn je das Verlangen nach jenem Klavierspiel das ich an Ihnen und Ihrer Schülerin bewunderte, und hoffe dass Professor Violin 4 von mir genug hat! Wahrlich nicht aus Undankbarkeit, das wissen Sie, Liebster, so gut wie ich er selbst begreifen würde! Könnten Sie nicht doch schonungsvoll ihn bedeuten?

{2} Was die Harmonielehrevorlesungen 5 betrifft zweifeln Sie doch gewiss! Denken Sie an meine dummen Gesichter der ersten Stunden! Und nun erst eine Masse! Sind nicht doch Perlen vor die Säue geworfen?

Lese jetzt die Brahmsbiographie einer Engländerin Florence May die in einem einleitenden Kapitel Interessantes über Äusserungen Brahms zu sagen weiss. Klara Schumann übergab sie als Schülerin für kurze Zeit dem Meister; ich zitiere einiges:

Sie erzählte B. von den Schwierigkeiten des Handmechanismus beim Klavierspielen: Er antwortete: „Ja das muss zuerst kommen“ und nachdem er eine Etüde aus Clementis Gradus ad Parnassum 6 von mir angehört hatte, begann er sofort meine Finger zu lockern und auszugleichen. Denselben Tag fing er an[,] mich allmählich durch den ganzen Kursus technischer Ausbildungen zu führen indem er mir zeigte[,] wie ich am besten zur Erreichung meines Zieles an Arpeggien, Trillern[,] Doppelgriffen und Oktaven arbeiten sollte. — Er glaubte nicht, dass es nützlich für mich sei, die gewöhnlichen Fünffingerübungen zu machen, sondern zog es vor aus den Stücken oder Etüden, mit denen ich mich grade beschäftigte, Übungen zu bilden. Eine schwierige Stelle bearbeitete er häufig indem er mich dieselbe nicht so wie sie geschrieben war, überliess sondern mit andern Akzenten und verschiedenen Figuren . . . . — oder:

„Am Schlusse der ersten dieser beiden Mozartstunden sagte ich ihm: „Alles was Sie heute gesagt haben, ist mir ganz neu.[“] (!) „Es steht alles da“ erwiderte er,[„] auf die Noten deutend![““]

{3} Schade, das dieses Werk nicht mehr sachliche Äusserungen bringt.

Frau Lorle Meissner werde ich ba also wegen der Lieder schreiben und danke ich Ihnen im Vorhinein dafür!

Vielleicht könnten Sie mir nach Pontresina Pontresina Pension Collina ein paar Zeilen schreiben! Ich bin vom 16. August bis 22. incl. dort. Es würde riesig freuen Ihren Sie innigst verehrenden und liebenden


[signed:] Hans.
10. August 1912.

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2007



Beloved Master, 1

Endless thanks for your long and precious letter 2 and for all the instructive things it contains! Your Ninth Symphony will be studied with such diligence and eagerness that "reading" won't be the word for it ‒ measure-by-measure, hence very slowly. I am more and more astonished at the refined and subtle relationships that you uncover, and that establish for the artwork that which awakes, unknown and unnamed, the conviction of greatness that the layman gets from his "gut feeling"!

Once the first two movements of my Quintet were finished, I resolved to take a short break. However, I simply could not keep at bay a Scherzo that was rumbling around in my mind, only the Trio of which was still lacking, while the other movement, 3 already partway sketched, was beginning to emerge from the shadows. Now the work will have to be interrupted for a journey that will take me to visit my one and only dear friend Spiegler in Pontresina in Switzerland. I shall arrive there on August 16 and spend one week there and a second week in cheerful spirits on a short tour. After that, back to Ischl to wrestle anew with the Quintet. So I hope to be able to appear at your place at the end of September with a fair copy of the score!

More than ever now I yearn for the piano playing that I admired in you and your lady pupil, and hope that Professor Violin 4 has had enough of me! Genuinely not out of ingratitude ‒ you know that, most beloved [Master], as well as I he himself would appreciate. So could you not be merciful [to me] and take his place?

{2} As concerns the harmonic theory lectures, 5 you may well have misgivings! Think of my stupid faces during the initial lessons! And now for the first time, a crowd! Are not pearls cast before swine?

Am currently reading a Brahms biography by an English woman, Florence May, who has interesting things to say in an introductory chapter about remarks that Brahms made. Clara Schumann passed her on as a pupil to the master for a short time. Let me quote a few things:

She told Brahms of the difficulties she had with the mechanics of her hand while playing the piano. "He replied: 'Yes, that has to take priority' and after he had listened to me playing an etude from Clementi's Gradus ad Parnassum 6 he immediately began to relax and equalize my fingers. The same day, he began taking me gradually through the whole course of technical training, while showing me how best I should work to attain my goal by means of arpeggios, trills, two notes in each hand, and octaves. — He did not believe it profitable for me to play the customary five-finger exercises, but instead favored devising exercises direct from the pieces or etudes on which I was actually working. He frequently rearranged a difficult passage by giving it to me not as it was written but with altered accentuation and different figurations . . ." –or:

"At the end of the first of these two Mozart lessons, I said to him: 'Everything that you have said today is totally new to me.'(!) 'It is all there,' he responded, 'in the notes themselves'!"

{3} What a pity that this work does not pass on remarks that are more substantial.

So I will write to Mrs Lorle Meissner regarding the songs: thank you in advance for that!

Perhaps you could drop me a line to Pontresina, Pension Collina. I shall be there August 16 to 22 inclusive. It would give me enormous pleasure to yours with deepest respect and love,


[signed:] Hans
August 10, 1912

© Translation Ian Bent, 2007

Footnotes

1 Receipt of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 The letter acknowledged here is not known to survive, nor is there any record of it in Schenker's diary.

3 The fourth movement of Weisse's String Quintet.

4 Moriz Violin was Weisse's piano teacher at the time.

5 Probably the lectures he was due to take in the coming term at the University of Vienna given by Professor Guido Adler. From 1914 onwards, Schenker's diaries include numerous summaries of Weisse's reports of Adler's lectures.

6 Muzio Clementi, Gradus ad Parnassum, or The Art of Playing on the Piano Forte (1917‒26), one of the staple works for pianists.