Browse by
OJ 5/38, [19] - Handwritten letter from Heinrich to Wilhelm Schenker, dated July 4, 1925
dein l. Brief 2 hat uns noch in Wien erreicht, wir waren schon im Packen, ich sage: wir, obwohl diese Last LieLiechen allein trägt. Wir waren beide ganz erschöpft, die Saison war gar zu anstrengend. LieLiechen hat 5 Kg. eingebüßt, ich blieb zwar auf der Höhe, aber der Zucker ist auf 2.40 angestiegen, auch war Direktor Halberstam mit meinem „Blutdruck“ weiniger als sonst zufrieden, das Alles muß nun jetzt nachgetragen u. ausgebessert werden. Es war nicht allein die übergroße Arbeit für den neuen Verlag in München, die uns so hergenommen hat, noch mir litten wir unter den unaufhörlichen Laufereien zum Advokaten wegen des alten Verlages. Schließlich ist das keine Kleinigkeit, es geht nach meiner Angabe u. Schätzung um 500. Mill. Kr. als Ablöse für alle früheren Werke, {2} endlich hat auch der Advokat eingesehen, was ich ihm schon von Anfang sagte, daß der Verlag sich zu einer Ablöse nicht verstehen wird. Nun galt es erst recht, die Tantièmen zu retten; d. h. da ich den Verlag wegen allerhand Vertragsbrüche verlassen mußte, war es klar, daß er die Tantièmen womöglich ganz tief herabsetzen wird, denn einen Beweis gegen seine Absatzziffern zu führen ist unmöglich. Es droht die Gefahr, daß er nur ein paar Groschen auszahlt. So etwas wie einen Beweis des Betruges hatte ich in der Hand, aber der Advokat hat die Sache ganz verpatzt. Wie ich es jetzt durchsetze, das wird 30 Jahre u. noch länger gelten; gelingt es dem Verlag, mir nur einen kleinen Betrag aufzumüntzen [recte auszumünzen?] , dann bleibt es schon so auch später; ich muß also schauen, daß ich soviel als möglich im ersten Jahre nach meinem Austritt heranschlagen. Leider hat das der Advokat nicht so gut verstanden u. es steht mir noch ein harter Herbst von größter Entschädigung bevor, nämlich den Advo- {3} katen zu zwingen, daß er auf ordentliche Rechnungsleung klagt. Im Vorjahr haben wir den ganzen Sommer vom Einlauf des Verlages gelebt, immerhin hat es uns gefreut. Heuer habe ich müssen gespartes Geld von Mozio herausnehmen, weil ich vom Verlag noch nichts erhalten habe. (Denke dir, selbst die 4 Mill., die der neue Verlag aus München als „Vorschuß“ zu schicken hat, sind noch nicht eingetroffen!) Man arbeitet sich zu Tode, u. die Verlage lassen nicht einen Groschen aus, auch trotz Vertrag nicht! Pack! Gesindel! Irgendwie muß sich das Alles in der nächsten Saison entscheiden. Ich verliere ja so viel Zinsen, da ich eigenes Geld herausnehmen muss, statt daß die Verleger mich vertragsmäßig auszahlen. Wenn die Sache gut ausgeht, denke ich daran, im nächsten Jahre meinen Kurs schon am 1. Juni abzuschließen, statt am Ende Juni. Dann kommen wir leichter zu Dir, um eine Zeit lang mit dir zu teilen. Wie die Sachen heuer lagen, {4} hieß es: fort nach Tirol, in die Höhe, um etwas Luft zu schöpfen! Vorläufig schlafen wir, denn wir haben in Wien viel an Schlaf opfern müssen. Du glaubst nicht wie uns das bekümmert hat, daß der Verlag so betrügerisch ist; wir könnten ja viel bequemer leben, wenn das nicht der Fall wäre. Na, wir wollen sehen. Schreibe uns, welchen Ausgang deine Reise nach Wien mit Karli genommen hat. Von Mozio hörten wir, daß sich seine Frau u. noch eine gewichtige Persönlichkeit ebenfalls an den Herrn, den wir schon kennen, gewendet haben u. dir auf das Beste beizustehen bereit sind. Dann dürfte es an einem Erfolg nicht fehlen. Ist Tonerl[entity-003491][4] zufrieden? Du auch? Ist der alte Ober-Inspektor hi bei dir? Schreibe, schreibe bald. Ich hoffe, daß sich bei dir wie bei uns Alles zum Besten wenden wird. © Transcription William Drabkin, 2024 |
Your kind letter 2 reached us while we were still in Vienna. We were already packing. I say we, although LieLiechen alone bears this burden. We were both totally exhausted. The term was just too strenuous. LieLiechen suffered a loss of 5 kilograms. Although I remained fit, the blood sugar count rose to 2.40. Additionally, Director Halberstam was less satisfied than otherwise with my “blood pressure.” All of that must now be remediated and improved. It wasn’t just the outsized work for the new publisher in Munich that swept us up. Additionally, we suffered under the incessant running to the attorney because of the former publisher. Ultimately, that is no small matter. According to my declaration and estimate, it is a matter of 500 million Kronen as compensation for all earlier works. {2} Finally, the attorney also accepted what I told him from the outset, that the publisher will not agree to compensation. It was, then, more than ever a matter of rescuing the royalties; that is, since I had to leave the publisher because of all kinds of contractual breaches, it was clear that, where possible, he would reduce the royalties very significantly, since showing proof contradicting his sales figures is impossible. The danger threatened that he would pay only a few pennies. I had in hand something like proof of fraud, but the attorney completely botched the matter. Now, it will be thirty years or even longer before I am able to prevail. Should the publisher be successful in exploiting me with only a small amount, then it will remain so later. So, I have to see that I get as much as possible in the first year after my exit. Unfortunately, the attorney did not understand that very well, and I face yet a tough autumn of the greatest restitution, namely to force the {3} attorney to litigate for a proper accounting. Last year, we lived the entire summer one income from the publisher. That certainly made us happy. This year I had to take savings from Mozio because I had not yet received anything from the publisher. (Think, even the 4 million that the new publisher is to send from Munich as an “advance,” has not yet arrived,) One works oneself to death and the publishers don’t allow a single penny to escape, even despite the contract, Lowlifes, Vermin! All of this must somehow be decided in the next term. I am losing so much interest because I have to withdraw my own money instead of the publishers paying me according to contract. If the matter ends well, I am thinking of ending my course next year on June 1 instead of at the end of June. Then we can more easily come to you in order to have some time with you. As matters were this year, {4} it was: off to the Tyrol, into the heights in order to breathe some fresh air, For the time being, we are sleeping because we had to sacrifice a lot of sleep in Vienna. You would not believe how much it distressed us that the publisher is so deceitful. We could be living much more comfortably if that weren’t the case. Ah well, we’ll see. Write us how your trip to Vienna ended up with Karli. We heard from Mozio that his wife and another significant personality also turned to the man we know, and were prepared to stand by you to the utmost. Success ought then not to be lacking. Is Tonerl[entity-003491] satisfied? You too? Is the old Chief Superintendent staying with you? Write, write soon. I hope that all turns out for the best with you as with us. © Translation Lee Rothfarb, 2024 |
dein l. Brief 2 hat uns noch in Wien erreicht, wir waren schon im Packen, ich sage: wir, obwohl diese Last LieLiechen allein trägt. Wir waren beide ganz erschöpft, die Saison war gar zu anstrengend. LieLiechen hat 5 Kg. eingebüßt, ich blieb zwar auf der Höhe, aber der Zucker ist auf 2.40 angestiegen, auch war Direktor Halberstam mit meinem „Blutdruck“ weiniger als sonst zufrieden, das Alles muß nun jetzt nachgetragen u. ausgebessert werden. Es war nicht allein die übergroße Arbeit für den neuen Verlag in München, die uns so hergenommen hat, noch mir litten wir unter den unaufhörlichen Laufereien zum Advokaten wegen des alten Verlages. Schließlich ist das keine Kleinigkeit, es geht nach meiner Angabe u. Schätzung um 500. Mill. Kr. als Ablöse für alle früheren Werke, {2} endlich hat auch der Advokat eingesehen, was ich ihm schon von Anfang sagte, daß der Verlag sich zu einer Ablöse nicht verstehen wird. Nun galt es erst recht, die Tantièmen zu retten; d. h. da ich den Verlag wegen allerhand Vertragsbrüche verlassen mußte, war es klar, daß er die Tantièmen womöglich ganz tief herabsetzen wird, denn einen Beweis gegen seine Absatzziffern zu führen ist unmöglich. Es droht die Gefahr, daß er nur ein paar Groschen auszahlt. So etwas wie einen Beweis des Betruges hatte ich in der Hand, aber der Advokat hat die Sache ganz verpatzt. Wie ich es jetzt durchsetze, das wird 30 Jahre u. noch länger gelten; gelingt es dem Verlag, mir nur einen kleinen Betrag aufzumüntzen [recte auszumünzen?] , dann bleibt es schon so auch später; ich muß also schauen, daß ich soviel als möglich im ersten Jahre nach meinem Austritt heranschlagen. Leider hat das der Advokat nicht so gut verstanden u. es steht mir noch ein harter Herbst von größter Entschädigung bevor, nämlich den Advo- {3} katen zu zwingen, daß er auf ordentliche Rechnungsleung klagt. Im Vorjahr haben wir den ganzen Sommer vom Einlauf des Verlages gelebt, immerhin hat es uns gefreut. Heuer habe ich müssen gespartes Geld von Mozio herausnehmen, weil ich vom Verlag noch nichts erhalten habe. (Denke dir, selbst die 4 Mill., die der neue Verlag aus München als „Vorschuß“ zu schicken hat, sind noch nicht eingetroffen!) Man arbeitet sich zu Tode, u. die Verlage lassen nicht einen Groschen aus, auch trotz Vertrag nicht! Pack! Gesindel! Irgendwie muß sich das Alles in der nächsten Saison entscheiden. Ich verliere ja so viel Zinsen, da ich eigenes Geld herausnehmen muss, statt daß die Verleger mich vertragsmäßig auszahlen. Wenn die Sache gut ausgeht, denke ich daran, im nächsten Jahre meinen Kurs schon am 1. Juni abzuschließen, statt am Ende Juni. Dann kommen wir leichter zu Dir, um eine Zeit lang mit dir zu teilen. Wie die Sachen heuer lagen, {4} hieß es: fort nach Tirol, in die Höhe, um etwas Luft zu schöpfen! Vorläufig schlafen wir, denn wir haben in Wien viel an Schlaf opfern müssen. Du glaubst nicht wie uns das bekümmert hat, daß der Verlag so betrügerisch ist; wir könnten ja viel bequemer leben, wenn das nicht der Fall wäre. Na, wir wollen sehen. Schreibe uns, welchen Ausgang deine Reise nach Wien mit Karli genommen hat. Von Mozio hörten wir, daß sich seine Frau u. noch eine gewichtige Persönlichkeit ebenfalls an den Herrn, den wir schon kennen, gewendet haben u. dir auf das Beste beizustehen bereit sind. Dann dürfte es an einem Erfolg nicht fehlen. Ist Tonerl[entity-003491][4] zufrieden? Du auch? Ist der alte Ober-Inspektor hi bei dir? Schreibe, schreibe bald. Ich hoffe, daß sich bei dir wie bei uns Alles zum Besten wenden wird. © Transcription William Drabkin, 2024 |
Your kind letter 2 reached us while we were still in Vienna. We were already packing. I say we, although LieLiechen alone bears this burden. We were both totally exhausted. The term was just too strenuous. LieLiechen suffered a loss of 5 kilograms. Although I remained fit, the blood sugar count rose to 2.40. Additionally, Director Halberstam was less satisfied than otherwise with my “blood pressure.” All of that must now be remediated and improved. It wasn’t just the outsized work for the new publisher in Munich that swept us up. Additionally, we suffered under the incessant running to the attorney because of the former publisher. Ultimately, that is no small matter. According to my declaration and estimate, it is a matter of 500 million Kronen as compensation for all earlier works. {2} Finally, the attorney also accepted what I told him from the outset, that the publisher will not agree to compensation. It was, then, more than ever a matter of rescuing the royalties; that is, since I had to leave the publisher because of all kinds of contractual breaches, it was clear that, where possible, he would reduce the royalties very significantly, since showing proof contradicting his sales figures is impossible. The danger threatened that he would pay only a few pennies. I had in hand something like proof of fraud, but the attorney completely botched the matter. Now, it will be thirty years or even longer before I am able to prevail. Should the publisher be successful in exploiting me with only a small amount, then it will remain so later. So, I have to see that I get as much as possible in the first year after my exit. Unfortunately, the attorney did not understand that very well, and I face yet a tough autumn of the greatest restitution, namely to force the {3} attorney to litigate for a proper accounting. Last year, we lived the entire summer one income from the publisher. That certainly made us happy. This year I had to take savings from Mozio because I had not yet received anything from the publisher. (Think, even the 4 million that the new publisher is to send from Munich as an “advance,” has not yet arrived,) One works oneself to death and the publishers don’t allow a single penny to escape, even despite the contract, Lowlifes, Vermin! All of this must somehow be decided in the next term. I am losing so much interest because I have to withdraw my own money instead of the publishers paying me according to contract. If the matter ends well, I am thinking of ending my course next year on June 1 instead of at the end of June. Then we can more easily come to you in order to have some time with you. As matters were this year, {4} it was: off to the Tyrol, into the heights in order to breathe some fresh air, For the time being, we are sleeping because we had to sacrifice a lot of sleep in Vienna. You would not believe how much it distressed us that the publisher is so deceitful. We could be living much more comfortably if that weren’t the case. Ah well, we’ll see. Write us how your trip to Vienna ended up with Karli. We heard from Mozio that his wife and another significant personality also turned to the man we know, and were prepared to stand by you to the utmost. Success ought then not to be lacking. Is Tonerl[entity-003491] satisfied? You too? Is the old Chief Superintendent staying with you? Write, write soon. I hope that all turns out for the best with you as with us. © Translation Lee Rothfarb, 2024 |
Footnotes1 Writing of this letter is recorded in Schenker’s diary for July 4, 1925: “An Wilhelm (Br.): über die steten Betrügereien des Verlegers, u. wie alles sich ändern könnte, wenn er rechtschaffen wäre. Doch muß ich so viel wie möglich die Sache in Ordnung bringen, weil ich den Kurs um einen Monat kürzen möchte. In diesem Falle könnten wir leicht mit ihm einen Monat teilen.” (“To Wilhelm (letter): about the constant fraudulence of the publisher and how everything could change if he were honest. But I have to straighten the matter out as well as possible because I want to shorten my course [of piano lessons] by a month. In that case, we could easily spend a month with him.”). 2 Schenker’s diary entry for June 23 records the receipt of a letter from his elder brother: “Von Wilhelm (Br.): über seine bevorstehende Reise nach Wien, über die Teilnahme der Schwägerin usw.” (“From Wilhelm (letter): about his forthcoming trip to Vienna; about our sister-in-law's sympathy, and so on.”). |
|
Commentary
Digital version created: 2024-06-14 |