3.

BriefOC 52/502 von Hertzka; er wünscht Weisses Arbeit kennen zu lernen u. ist noch nicht ohneweiters geneigt, die Idee der Sonaten aufzugeben. Die Argumentation ist windig wie eben die eines Krämers, der obendrein ein Knauser ist u. ich fürchte, daß sich diesmal eine Einigung wirklich nicht wird erzielen lassen.

*

2 Antwort an Rothberger mit Dank u. an Herrn Breisach. — Spaziergang.

*

Unsere Blätter blähen sich über dem aus des deutschen Kronprinzen Mund erflossenen Urteil bis zum äußersten auf. War es ein Fehltritt des Kronprinzen die Bedeutung der Presse zu überschätzen, so liegt für jeden Vernünftigen gleichwohl auf der Hand, daß er durchaus nicht das Lob der Presse an sich singen wollte, sondern nur eben jener, die man auf irgend eine Weise beeinflussen u. zu politischen Zwecken gebrauchen kann. Ich glaube sagen zu können, daß darin eine Herabwürdigung der Presse liegt u. es haben unsere Leitartikler Mühe, dem Kronprinzen fälschlich eine gute Meinung zu unterschieben, nur um Schlüsse für ihre Würde {832} daraus ziehen zu konnen können. Der Kronprinz meinte Blätter, die von England, Frankreich u. s. w. bezahlt wurden, um Stimmung gegen Deutschland zu machen; eine solche Presse, meinte er, wäre auch Deutschland zugute gekommen. Es gehört die volle Unrechtschaffenheit des Berufes dazu, um von der Presse zu behaupten, sie wäre der Ausdruck einer öffentlichen Meinung; die von einer Gruppe Bestochene will zugleich als Ausdruck der öffentlichen Meinung gelten? (s. Leitartikel der „N. Fr. Pr.“ vom 3. I. 1915 1 ).

*

Karl Goldmark gestorben! Am rührendsten war an ihm das Streben selbst, daß das einer gewissen Feierlichkeit u. Weihe nicht entbehrte. Desto ergreifender war seine Bescheidenheit, die sich im Bewußtsein ausdrückte, Meister-Ideale nicht erreichen zu können. Unvergesslich bleibt mir, was er selbst mir über sein Erlebnis mit Brahms erzählte. Brahms hat – so erzählte G. – sich niemals um seine Werke bekümmert u. es war ihm auch klar, daß sie Brahms [’] Interesse nicht gefunden haben. Nur ein einzigesmal geschah es, daß Brahms nach einer Probe des Streich-Quintetts (oder Quartetts?) ihm, Goldmark, gegenüber einen Fehler namhaft machte, der gleich vorne lag. Nichts hat mich so glücklich gemacht, erzählte G., als dieser Tadel von Brahms, ["]denn er zeigte mir, daß er dieses Werk mindestens eines Tadels würdigte! Erst nach vielen Jahren kam ich dazu, den Fehler einzusehen u. da mußte ich darüber staunen, daß Brahms gleich beim ersten Anhören ein so treffliches Ohr entwickelte.["] Leider durfte ich selbst wegen meiners um so viel jüngeren Alters, das durch das Bekenntnis des greisen Komponisten ohnehin geehrt war, ihm nicht ins Gesicht sagen, daß das Staunen über Brahms’ schnelles u. treffendes Urteil noch bis zur Stunde verrate, wie weit G. hinter einem Meister zurückstehe! Hätte er jemals Wege beschritten wie Brahms, so wäre ihm die Leistung jenes Tadels sicher die allergeringste erschienen. Denkwürdig an G.s Erscheinung war übrigens das Gewand an Bildung, das er, der Autodidakt, im Laufe seines Lebens anzulegen wußte. Es gibt viele Musiker, die gezwungen sind, autodidaktisch fortzuschreiten, selten aber war es einem gegeben, sich so gründlich u. einheitlich abzurunden, wie Goldmark!

*

{833}

© Transcription Marko Deisinger.

3.

LetterOC 52/502 from Hertzka; he would like to become acquainted with Weisse's work and is still not inclined to give up the idea of the sonatas without further ado. His argumentation is dubious, as is so typical of a businessman who is also a skinflint; and I fear that this time an agreement really cannot be achieved.

*

Reply to Rothberger, with thanks, and to Mr. Breisach. — A walk.

*

Our newspapers swell up in the extreme about the judgement that has flown from the German crown prince's mouth. If it were a mistake for the crown prince to overvalue the significance of the press, it is nonetheless self-evident to every reasonable person that he certainly did not want to sing the praises of the press in general, but only of those which can somehow be influenced and used for political purposes. I believe that one can say that therein lies a degradation of the press; and our leader columnists are taking the trouble to falsely assign a good opinion to the crown prince merely for the purpose of drawing conclusions for their dignity. {832} The crown prince had in mind newspapers paid for by England, France, etc., to create a mood hostile to Germany; that sort of press, he says, would also have been advantageous for Germany. It is part and parcel of the disreputability of the profession to assert about the press that they were expressing public opinion; should a group of bribed people at the same time be regarded as expressing public opinion? (See the lead article in the Neue freie Presse of January 3, 1915 1 ).

*

Karl Goldmark is dead! What was most touching was his striving, which did not dispense with a certain solemnity and ceremoniality. All the more poignant was his modesty, which expressed itself in his awareness of being unable to achieve the ideals of the masters. For me, what he recounted about his experience with Brahms will remain unforgettable. Brahms – according to Goldmark – had never troubled himself with his works; and it was also clear to him that they never aroused Brahms's interest. Only on one solitary occasion did it happen that Brahms, after a rehearsal of the String Quintet (or Quartet?) alerted him, Goldmark, to a mistake which was self-evident. Nothing made me happier, Goldmark recounted, than this criticism from Brahms; ["]for it showed me that he thought that this work was at least worthy of a criticism! It was only after many years that I was able to recognize the mistake; and I was astonished that Brahms had such a splendidly developed ear even the first time he heard it.["] Unfortunately I myself, on account of being so much younger which was at any rate honored by the old composer's confession, was unable to tell Goldmark to his face that his astonishment at Brahms's quick and sharp judgment betrayed – to this very day – how far short Goldmark was of being a master! Had he ever taken the paths that Brahms took, then what this criticism amounted to would have appeared to have been the most insignificant. What was notable about Goldmark's manifestation was, moreover, the guise of education which he, the autodidact, was able to wear in the course of his life. There are many musicians who are compelled to progress as self-taught; but rarely was it given to one to become so thoroughly and coherently well-rounded as Goldmark!

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{833}

© Translation William Drabkin.

3.

BriefOC 52/502 von Hertzka; er wünscht Weisses Arbeit kennen zu lernen u. ist noch nicht ohneweiters geneigt, die Idee der Sonaten aufzugeben. Die Argumentation ist windig wie eben die eines Krämers, der obendrein ein Knauser ist u. ich fürchte, daß sich diesmal eine Einigung wirklich nicht wird erzielen lassen.

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2 Antwort an Rothberger mit Dank u. an Herrn Breisach. — Spaziergang.

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Unsere Blätter blähen sich über dem aus des deutschen Kronprinzen Mund erflossenen Urteil bis zum äußersten auf. War es ein Fehltritt des Kronprinzen die Bedeutung der Presse zu überschätzen, so liegt für jeden Vernünftigen gleichwohl auf der Hand, daß er durchaus nicht das Lob der Presse an sich singen wollte, sondern nur eben jener, die man auf irgend eine Weise beeinflussen u. zu politischen Zwecken gebrauchen kann. Ich glaube sagen zu können, daß darin eine Herabwürdigung der Presse liegt u. es haben unsere Leitartikler Mühe, dem Kronprinzen fälschlich eine gute Meinung zu unterschieben, nur um Schlüsse für ihre Würde {832} daraus ziehen zu konnen können. Der Kronprinz meinte Blätter, die von England, Frankreich u. s. w. bezahlt wurden, um Stimmung gegen Deutschland zu machen; eine solche Presse, meinte er, wäre auch Deutschland zugute gekommen. Es gehört die volle Unrechtschaffenheit des Berufes dazu, um von der Presse zu behaupten, sie wäre der Ausdruck einer öffentlichen Meinung; die von einer Gruppe Bestochene will zugleich als Ausdruck der öffentlichen Meinung gelten? (s. Leitartikel der „N. Fr. Pr.“ vom 3. I. 1915 1 ).

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Karl Goldmark gestorben! Am rührendsten war an ihm das Streben selbst, daß das einer gewissen Feierlichkeit u. Weihe nicht entbehrte. Desto ergreifender war seine Bescheidenheit, die sich im Bewußtsein ausdrückte, Meister-Ideale nicht erreichen zu können. Unvergesslich bleibt mir, was er selbst mir über sein Erlebnis mit Brahms erzählte. Brahms hat – so erzählte G. – sich niemals um seine Werke bekümmert u. es war ihm auch klar, daß sie Brahms [’] Interesse nicht gefunden haben. Nur ein einzigesmal geschah es, daß Brahms nach einer Probe des Streich-Quintetts (oder Quartetts?) ihm, Goldmark, gegenüber einen Fehler namhaft machte, der gleich vorne lag. Nichts hat mich so glücklich gemacht, erzählte G., als dieser Tadel von Brahms, ["]denn er zeigte mir, daß er dieses Werk mindestens eines Tadels würdigte! Erst nach vielen Jahren kam ich dazu, den Fehler einzusehen u. da mußte ich darüber staunen, daß Brahms gleich beim ersten Anhören ein so treffliches Ohr entwickelte.["] Leider durfte ich selbst wegen meiners um so viel jüngeren Alters, das durch das Bekenntnis des greisen Komponisten ohnehin geehrt war, ihm nicht ins Gesicht sagen, daß das Staunen über Brahms’ schnelles u. treffendes Urteil noch bis zur Stunde verrate, wie weit G. hinter einem Meister zurückstehe! Hätte er jemals Wege beschritten wie Brahms, so wäre ihm die Leistung jenes Tadels sicher die allergeringste erschienen. Denkwürdig an G.s Erscheinung war übrigens das Gewand an Bildung, das er, der Autodidakt, im Laufe seines Lebens anzulegen wußte. Es gibt viele Musiker, die gezwungen sind, autodidaktisch fortzuschreiten, selten aber war es einem gegeben, sich so gründlich u. einheitlich abzurunden, wie Goldmark!

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© Transcription Marko Deisinger.

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LetterOC 52/502 from Hertzka; he would like to become acquainted with Weisse's work and is still not inclined to give up the idea of the sonatas without further ado. His argumentation is dubious, as is so typical of a businessman who is also a skinflint; and I fear that this time an agreement really cannot be achieved.

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Reply to Rothberger, with thanks, and to Mr. Breisach. — A walk.

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Our newspapers swell up in the extreme about the judgement that has flown from the German crown prince's mouth. If it were a mistake for the crown prince to overvalue the significance of the press, it is nonetheless self-evident to every reasonable person that he certainly did not want to sing the praises of the press in general, but only of those which can somehow be influenced and used for political purposes. I believe that one can say that therein lies a degradation of the press; and our leader columnists are taking the trouble to falsely assign a good opinion to the crown prince merely for the purpose of drawing conclusions for their dignity. {832} The crown prince had in mind newspapers paid for by England, France, etc., to create a mood hostile to Germany; that sort of press, he says, would also have been advantageous for Germany. It is part and parcel of the disreputability of the profession to assert about the press that they were expressing public opinion; should a group of bribed people at the same time be regarded as expressing public opinion? (See the lead article in the Neue freie Presse of January 3, 1915 1 ).

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Karl Goldmark is dead! What was most touching was his striving, which did not dispense with a certain solemnity and ceremoniality. All the more poignant was his modesty, which expressed itself in his awareness of being unable to achieve the ideals of the masters. For me, what he recounted about his experience with Brahms will remain unforgettable. Brahms – according to Goldmark – had never troubled himself with his works; and it was also clear to him that they never aroused Brahms's interest. Only on one solitary occasion did it happen that Brahms, after a rehearsal of the String Quintet (or Quartet?) alerted him, Goldmark, to a mistake which was self-evident. Nothing made me happier, Goldmark recounted, than this criticism from Brahms; ["]for it showed me that he thought that this work was at least worthy of a criticism! It was only after many years that I was able to recognize the mistake; and I was astonished that Brahms had such a splendidly developed ear even the first time he heard it.["] Unfortunately I myself, on account of being so much younger which was at any rate honored by the old composer's confession, was unable to tell Goldmark to his face that his astonishment at Brahms's quick and sharp judgment betrayed – to this very day – how far short Goldmark was of being a master! Had he ever taken the paths that Brahms took, then what this criticism amounted to would have appeared to have been the most insignificant. What was notable about Goldmark's manifestation was, moreover, the guise of education which he, the autodidact, was able to wear in the course of his life. There are many musicians who are compelled to progress as self-taught; but rarely was it given to one to become so thoroughly and coherently well-rounded as Goldmark!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Preßpolitik im Frieden und im Kriege. Bemerkung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm: Deutschland hat die Rolle der Presse in der Weltpolitik nicht gebührend zu würdigen verstanden," Neue Freie Presse, No. 18090, January 3, 1915, morning edition, p. 1.