26. IX. 15 Nun bewölkt!

Uns überkommt das Gefühl, als hätten wir gestern von der Schönheit des Herbstes Abschied genommen. —

— Frl. Goldschmied sagt ab. — Sophie (K.) geht nach Olmütz. — Breisach (K.): zu leichtem Hilfsdienst tauglich; hofft nach Wien kommen zu können. —

Weisse erscheint um 11h, nimmt sein Liedchen 1 mit, erzählt vielerlei von einem bevorstehenden Konzert seiner Collegen zugunsten des roten Kreuzes; erbittet manche Ratschläge hiefür.

*

Die Note der oesterr. [illeg]Regierung an die amerikanische 2 ist ganz vortrefflich ian Widerlegung, wie auch sonstigem an Inhalt abgefaßt. Offenbar ist unsere Regierung das Sprachrohr der deutschen, die aber Gründe hat, nicht selbst mit der Sprache grob herauszurücken. In vielen Punkten stimmt die Note mit dem auch hier in diesen Blättern Vorgebrachten überein. Besonders treffend aber war ist der Hinweis darauf, daß England die gegenwärtige Herrschaft zur See durchaus nicht seinen maritimen Erfolgen zu verdanken habe, sondern nur völkerrechtswidrigen Anmaßungen, die die Mißbilligung auch der amerikanischen Regierung bereits gefunden haben. ; Ees sei daher nicht logisch, wenn die amerikanische Regierung eben trotz dieser von ihr selbst gerügten Ursache übersieht, um England dennoch das Recht auf Konsequenzen einzuräument, die wie sie ihm nur dann gestattet sein könnten dürften, wenn die Ursache eine rechtschaffene wäre. Auch war findet sich darin noch ein besonders wertvoller der Hinweis darauf [sic], daß zur Zeit des Burenkrieges, als Oesterreich Munition an England lieferte, genug neutrale Staaten übrig waren, von denen anderseits die Buren sich ebenfalls Munition bestellen konnten, während bei der heutigen Sachlage die vereinigten Staaten als überhaupt einzige Munitionslieferanten in bBetracht kommen. —

— „Wilhelm Meister“ bis V. 14. 3 — Karte an: Colbert, Deutsch, König mit Stundenbestimmung.

*

{1039} Wienerische Preistreiberei: Bei Scherzer werden für ein Teeei 24 h gefordert, u. über Befragen erwidert , die Verkäuferin, daß sie dafür diese Eier die Garantie übernehme! Dieses Schweineköpfchen dürfte vermutlich selbst auf der Folter nicht begreifen, daß ein Preis für die Garantie doch schon im Preis für das Teeei überhaupt inbegriffen ist u. daß es somit nur ein Wucher ist, wenn sie die ohnehin gegebene Garantie durch eine zweite angeblich noch verstärkt.

*

Liebe ist nicht erlernbar – u. ob nun von einzelnen großen Männern u. Frauen vorgeliebt wird, ob große Männer u. Frauen dichterisch eine wahre Liebe beschreiben, diese große Leistung ist den anderen Menschen unerreichbar. Ja, Liebe will gelernt werden wie irgend ein Handwerk u. daher dürfte man es noch besser verstehen, wenn ich sage: So wenig Musiker sich glücklich im Dur- u. Moll-System ausdrücken können , u. es hier wieder nur auf wenige Genies ankommt, so wenig können Menschen lieben, wenn sie nicht eine ganz beträchtliche Höhe auch in mehreren anderen Hinsichten erreicht haben. Doch, je weniger die Menschen lieben, destomehr bilden sie sich ein, Liebe leisten zu können u. auch zu leisten – ein Selbstbetrug, der einfach dadurch zustande kommt, daß sie ohneweiters ihrer Leistung die Wort-Etikette: Liebe aufkleben; sie erklären eben zu lieben u. glauben auch schon zu lieben! —

*

© Transcription Marko Deisinger.

September 26, 1915. Now cloudy!

We are overtaken by the feeling as if we had taken our leave of the beauty of the autumn yesterday. —

— Miss Goldschmied cancels. — Sophie (postcard) is going to Olmütz [Olomouc]. — Breisach (postcard): fit for light assistance; he is hoping to be able to come to Vienna. —

Weisse appears at 11 o'clock, takes his song 1 with him, says much about a forthcoming concert given by his colleagues for the benefit of the Red Cross; he asks me for much advice about it.

*

The note from the Austrian government to the Americans 2 is thoroughly excellent in its rebuttal, and in other respects of its content. Evidently our government is the mouthpiece of the German, for which there are good grounds not to express its view bluntly. In many respects, the message is consistent with those published here in these newspapers. What is especially trenchant is the suggestion that England does not in any way owe its present command of the seas to its maritime successes, but only to assumptions, contrary to international law, which have already encountered the disfavor even of the American government. It is thus not logical for the American government if, in spite of itself being blamed for the original action, is nevertheless allowing England the right to draw consequences, which it might only be permitted to do if the cause were a just one. I also find in it a particularly valuable suggestion that, during the Boer War, when Austria sent munitions to England, there were plenty of other neutral states from whom the Boers, for their part, could likewise order munitions; in the present situation, however, the United States is the only state that is in any way in a position to supply weapons. —

— Wilhelm Meister as far as Book V, chapter 14. 3 — Postcards to Colbert, Deutsch, and König with lesson times.

*

{1039} Viennese extortion: at Scherzer, 24 Heller are asked for a tea ball and, when asked, the saleslady says that she will assume responsibility for the warranty on the tea ball! This pig-head will probably not understand, even under torture, that a price for the warranty is already included in the price of the tea ball; and it is only usury if she nonetheless appears to reinforce the original warranty with a second one.

*

Love is not something that is learned – and if great individual great men and women have shown love in the past, if great men and women have described a true love poetically, this great achievement is unattainable by other people. Yes, love wants to be learned, like any other handicraft; and thus one might understand it still better when I say: as little musicians are able to express themselves successfully in the major and minor tonal system – and here only a few geniuses can do so – so little can people love if they have not reached a quite considerable level of achievement in other respects. Yet, the less people love, the more they imagine themselves capable of being able to achieve love, and to practice it – a self-deception that comes into existence because they paste the word "love" on their achievement without further ado; they declare that they love, and also believe that they are actually loving! —

*

© Translation William Drabkin.

26. IX. 15 Nun bewölkt!

Uns überkommt das Gefühl, als hätten wir gestern von der Schönheit des Herbstes Abschied genommen. —

— Frl. Goldschmied sagt ab. — Sophie (K.) geht nach Olmütz. — Breisach (K.): zu leichtem Hilfsdienst tauglich; hofft nach Wien kommen zu können. —

Weisse erscheint um 11h, nimmt sein Liedchen 1 mit, erzählt vielerlei von einem bevorstehenden Konzert seiner Collegen zugunsten des roten Kreuzes; erbittet manche Ratschläge hiefür.

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Die Note der oesterr. [illeg]Regierung an die amerikanische 2 ist ganz vortrefflich ian Widerlegung, wie auch sonstigem an Inhalt abgefaßt. Offenbar ist unsere Regierung das Sprachrohr der deutschen, die aber Gründe hat, nicht selbst mit der Sprache grob herauszurücken. In vielen Punkten stimmt die Note mit dem auch hier in diesen Blättern Vorgebrachten überein. Besonders treffend aber war ist der Hinweis darauf, daß England die gegenwärtige Herrschaft zur See durchaus nicht seinen maritimen Erfolgen zu verdanken habe, sondern nur völkerrechtswidrigen Anmaßungen, die die Mißbilligung auch der amerikanischen Regierung bereits gefunden haben. ; Ees sei daher nicht logisch, wenn die amerikanische Regierung eben trotz dieser von ihr selbst gerügten Ursache übersieht, um England dennoch das Recht auf Konsequenzen einzuräument, die wie sie ihm nur dann gestattet sein könnten dürften, wenn die Ursache eine rechtschaffene wäre. Auch war findet sich darin noch ein besonders wertvoller der Hinweis darauf [sic], daß zur Zeit des Burenkrieges, als Oesterreich Munition an England lieferte, genug neutrale Staaten übrig waren, von denen anderseits die Buren sich ebenfalls Munition bestellen konnten, während bei der heutigen Sachlage die vereinigten Staaten als überhaupt einzige Munitionslieferanten in bBetracht kommen. —

— „Wilhelm Meister“ bis V. 14. 3 — Karte an: Colbert, Deutsch, König mit Stundenbestimmung.

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{1039} Wienerische Preistreiberei: Bei Scherzer werden für ein Teeei 24 h gefordert, u. über Befragen erwidert , die Verkäuferin, daß sie dafür diese Eier die Garantie übernehme! Dieses Schweineköpfchen dürfte vermutlich selbst auf der Folter nicht begreifen, daß ein Preis für die Garantie doch schon im Preis für das Teeei überhaupt inbegriffen ist u. daß es somit nur ein Wucher ist, wenn sie die ohnehin gegebene Garantie durch eine zweite angeblich noch verstärkt.

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Liebe ist nicht erlernbar – u. ob nun von einzelnen großen Männern u. Frauen vorgeliebt wird, ob große Männer u. Frauen dichterisch eine wahre Liebe beschreiben, diese große Leistung ist den anderen Menschen unerreichbar. Ja, Liebe will gelernt werden wie irgend ein Handwerk u. daher dürfte man es noch besser verstehen, wenn ich sage: So wenig Musiker sich glücklich im Dur- u. Moll-System ausdrücken können , u. es hier wieder nur auf wenige Genies ankommt, so wenig können Menschen lieben, wenn sie nicht eine ganz beträchtliche Höhe auch in mehreren anderen Hinsichten erreicht haben. Doch, je weniger die Menschen lieben, destomehr bilden sie sich ein, Liebe leisten zu können u. auch zu leisten – ein Selbstbetrug, der einfach dadurch zustande kommt, daß sie ohneweiters ihrer Leistung die Wort-Etikette: Liebe aufkleben; sie erklären eben zu lieben u. glauben auch schon zu lieben! —

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© Transcription Marko Deisinger.

September 26, 1915. Now cloudy!

We are overtaken by the feeling as if we had taken our leave of the beauty of the autumn yesterday. —

— Miss Goldschmied cancels. — Sophie (postcard) is going to Olmütz [Olomouc]. — Breisach (postcard): fit for light assistance; he is hoping to be able to come to Vienna. —

Weisse appears at 11 o'clock, takes his song 1 with him, says much about a forthcoming concert given by his colleagues for the benefit of the Red Cross; he asks me for much advice about it.

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The note from the Austrian government to the Americans 2 is thoroughly excellent in its rebuttal, and in other respects of its content. Evidently our government is the mouthpiece of the German, for which there are good grounds not to express its view bluntly. In many respects, the message is consistent with those published here in these newspapers. What is especially trenchant is the suggestion that England does not in any way owe its present command of the seas to its maritime successes, but only to assumptions, contrary to international law, which have already encountered the disfavor even of the American government. It is thus not logical for the American government if, in spite of itself being blamed for the original action, is nevertheless allowing England the right to draw consequences, which it might only be permitted to do if the cause were a just one. I also find in it a particularly valuable suggestion that, during the Boer War, when Austria sent munitions to England, there were plenty of other neutral states from whom the Boers, for their part, could likewise order munitions; in the present situation, however, the United States is the only state that is in any way in a position to supply weapons. —

— Wilhelm Meister as far as Book V, chapter 14. 3 — Postcards to Colbert, Deutsch, and König with lesson times.

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{1039} Viennese extortion: at Scherzer, 24 Heller are asked for a tea ball and, when asked, the saleslady says that she will assume responsibility for the warranty on the tea ball! This pig-head will probably not understand, even under torture, that a price for the warranty is already included in the price of the tea ball; and it is only usury if she nonetheless appears to reinforce the original warranty with a second one.

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Love is not something that is learned – and if great individual great men and women have shown love in the past, if great men and women have described a true love poetically, this great achievement is unattainable by other people. Yes, love wants to be learned, like any other handicraft; and thus one might understand it still better when I say: as little musicians are able to express themselves successfully in the major and minor tonal system – and here only a few geniuses can do so – so little can people love if they have not reached a quite considerable level of achievement in other respects. Yet, the less people love, the more they imagine themselves capable of being able to achieve love, and to practice it – a self-deception that comes into existence because they paste the word "love" on their achievement without further ado; they declare that they love, and also believe that they are actually loving! —

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 In a letter that Schenker received two days earlier, Weisse had asked to borrow a song that he had dedicated to Jeanette Kornfeld and sent Schenker on February 5 (see diary entries for February 5 and September 24, 1915).

2 Burian m. p., "Die Lieferung von Kriegsbedarf an England durch die Vereinigten Staaten. Note des k. u. k. Ministers des k. u. k. Hauses und des Aeußeren an den Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Wien," Neue Freie Presse, No. 18354, September 26, 1915, morning edition, pp. 6-7.

3 Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (Wilhelm Meister's Apprenticeship), first published in 1795–96 (Berlin: Johann Friedrich Unger).