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9. V. 16 Wettersturz hält an; bei Kühle wunderbar schöner Tag.

— Auf die 4. Kriegsanleihe 2000 Kronen gezeichnet. —

— An Mama (K.); Gruß u. Mitteilung vom bevorstehenden Rendezvous mit M.

— Von Sophie (K.); sie reise mit Hans nach Lemberg u. Guttmann bleibe Civilarzt. —

— Von Floriz Brief aus BadenHotel Bristol“. Ein Nekrolog auf sich selbst! Fast peinlich ist es zu lesen, wie er bei vollem Bewußtsein seines Zusammenbruchs auf die Liebe seiner Frau rechnet u. sich im schönsten Lichte schon nur deshalb sieht, weil er sich ihr gegenüber auch der Pflicht zur Dankbarkeit bewußt ist. Wahrhaftig ein sehr schmaler Streifen Männlichkeit! Noch beleidigender ist es zu lesen, wie er von der Höhe seines Bankerottes auf die Frau herabsieht, von der er sagt „sie würde {228} das nicht verstehen“! Ich meine dagegen: Vielleicht wäre Eeiner Frau nur das Verständnis des Schaffens, zumal eines genialen Schaffens nicht ohneweiters zuzumuten, entschieden aber zu weit geht der Mann in der Unterschätzung des Frauenintellekts[,] wenn er meint, sie verstünde sich nicht einmal auf geistigen Konkurs. Offenbar hat man es da mit einer gefährlichen Selbsttäuschung des Mannes zu tun; Floriz hofft zumindest, daß seine Frau niemals das Verständnis dafür Einsicht in seinen Konkurs erlangen würde – sicher wünscht er es auch, so sicher nur aus Egoismus. Ward je in solcher Laun’ ein zweites Kind gezeugt?

*

Frau D. tritt ins Zimmer u. erkundigt sich „wann [illeg]pflegte Herr Perutz zu kommen?“ Der unbefangene Ton der Frage ließ mich zunächst vermuten, die Frau habe entweder selbst den Wunsch nach einer 3. Stunde , oder wisse eine dritte Person, die gerne jene 2 Stunden übernehmen möchte. Ich gebe Antwort, u. bekomme aber von ihr, aller Erwartung entgegen, den Vorschlag zu hören, ob sie nicht ausnahmsweise statt Freitag schon am Donnerstag kommen dürfe! Daher also der verschmitzte Krämerzug! Mit dem Vorbehalt, sie deswegen vor Lie-Liechen zu bestrafen, sage ich ihr scheinbar zu. Sie meidet es in der Folge davon zu sprechen, während ich, kaum daß wir Lie-Liechen begrüßt hatten, auf diese Frage zurückkomme u. betone, daß es nur wirklich einmal ausnahmsweise geschehen könnte, da es sonst die übrigen Schüler zu ähnlichen Wünschen verleiten würde. Nun erst tritt die Frau von ihrer Bitte zurück u. erst [illeg]später, nachdem sie fort war, deutete es Lie-Liechen sehr richtig als Versuch, schon Donnerstag auf die Rax fahren zu können. – Mittags, da wir ins Gasthaus eintreten, finden wir alle Tische besetzt; an einem Tische sitzt eine einzelne Frau u. wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie bereits gezahlt habe. Wir setzen uns nun zu dritt an eben diesen Tisch, erleben aber die Ueberraschung, daß die Frau nicht im geringsten Miene macht fortzugehen. Wir konnten uns ihr Sitzenbleiben nicht erklären u. alle meine Versuche, ihr den Weggang nahezulegen, miß- {229} langen, so drastisch sie auch waren. Auf dem Wege ins Caféhaus meinte Frau D., sie könne sich solche Rücksichtslosigkeit gar nicht vorstellen; sie selbst, sei allezeit bereit zur Liebenswürdigkeit u. Rücksicht bereit , u. könne daher die Bosheit der Menschen wirklich gar nicht begreifen usw. (!)

*

Gesetze: Inhalt der Gesetze ist meist sozusagen nur die Gesetzesform selbst. Daß ein Gesetz überhaupt sei, ist vorläufig erst Hauptsache des Gesetzes – der Inhalt ist Nebensache. sSobald ein Gesetz ihn es ausspr iacht, ist konnte Aauch der Verbrennung[s]tod durch den Scheiterhaufen ist Inhalt des Gesetzes sein, sowenig ein solcher Inhalt den Fundamentalgesetzen der Logik entspr iacht. Leider wird es niemals unmöglich sein, je den Inhalt auf die Höhe der Gesetzesform zu bringen, so lange nur das Prinzip des Geldes unter den Menschen wirken wird!

*

Der Reiche: Hätschelt nicht aber schon die Bibel selbst den Reichen, indem sie bei der Darstellung der Begebenheiten die Hauptaufmerksamkeit nur Personen zuwendet, die nach damaligen Begriffen Träger des Reichtums waren, indem sie über viel Rinder, Schafe usw. verfügten? Ob nicht also schon hier dort, in der Bibel die Hauptwurzel aller Uebel zu suchen ist? (belege nachsuchen!)

*

© Transcription Marko Deisinger.

May 9, 1916. The drop in temperature persists; in cool weather, a beautifully fine day.

— 2,000 Kronen subscribed to the fourth issue of war bonds. —

— Postcard to Mama: greetings and communication of the imminent meeting with Maiulik

— Postcard from Sophie: she is travelling with Hans to Lemberg, and Guttmann will remain a civilian doctor. —

— Letter from Floriz from Baden, "Hotel Bristol". An obituary of himself! It is almost painful to read how he is expecting, with complete consciousness the breakdown of his wife's love, and that he sees himself in the most favorable light only because he is conscious of the duty of gratitude towards her. To be sure, a thin stripe of manliness! It is even more offensive to read how he, at the summit of his bankruptcy, looks down upon his wife, about whom he says: "She would not understand this"! {228} On the contrary, in my view, a woman may perhaps not have an automatic understanding of creativity, especially a genius-imbued creativity; but a man goes too far in undervaluing the female intellect if he thinks it would not even understand intellectual insolvency. Evidently, it is a case of a dangerous self-deception on the part of the man; Floriz hopes at least that his wife would never acquire insight into his insolvency – even if he wishes it, then surely only out of egoism. Was ever a second child conceived against such a background?

*

Mrs. Deutsch enters my room and asks me "when did Mr. Perutz used to come?" From the natural tone of the question, I suspected at first that the lady either wanted a third weekly lesson herself or that she knew someone who would be happy to take those two hours. I reply, but against all expectation I hear the suggestion that she might, exceptionally, be permitted to come on Thursday instead of Friday! Thus the greedy business ploy! Not wishing to punish her in front of Lie-Liechen, I pretend to agree. She avoids speaking about it in the course of the conversation; whereas I, hardly had we said hello to Lie-Liechen, return to this matter and emphasize that it could only happen once, as an exception, otherwise my other pupils will be tempted to make similar requests. Only now does the lady withdraw her request; and it was not until later, after she had left, that Lie-Liechen very astutely saw it as an attempt to travel to the Rax mountains as early as Thursday. – At noon, when we enter the restaurant, we find all the tables occupied. At one table sits a woman on her own who, as we are made aware, has just paid. So the three of us sit down at this very table, but we are surprised to discover that the lady shows not the slightest intention of leaving. We could not understand why she remained seated; and all my attempts to suggest to her that she might leave were to no avail, {229} as drastic as they may have been. On the way to the coffee house, Mrs. Deutsch said she could not at all imagine such thoughtlessness; she herself, being at all times willing to show kindness and consideration, could really not comprehend the wickedness of people, etc. (!) —

*

Laws: the content of laws is for the most part, so to speak, only the formulation of the law itself. That a law exists in the first place is, initially, the main point of the law – its content is of secondary importance. As soon as a law expressed it, even death by being burned at the stake could have been the content of the law, so little does such content correspond to the fundamental principles of logic. Unfortunately, it will never be possible to bring the content of a law up to the level of its formulation so long as only the money principle is effective among people!

*

The rich man: does not the Bible itself pamper the rich, since in its account of events it turns its main attention only on people who were the bearers of wealth, according to olden principles, on the basis of how many cattle, sheep etc. they owned? Perhaps even there, in the Bible, one may seek the main root of all evil? (Proofs to be sought!)

*

© Translation William Drabkin.

9. V. 16 Wettersturz hält an; bei Kühle wunderbar schöner Tag.

— Auf die 4. Kriegsanleihe 2000 Kronen gezeichnet. —

— An Mama (K.); Gruß u. Mitteilung vom bevorstehenden Rendezvous mit M.

— Von Sophie (K.); sie reise mit Hans nach Lemberg u. Guttmann bleibe Civilarzt. —

— Von Floriz Brief aus BadenHotel Bristol“. Ein Nekrolog auf sich selbst! Fast peinlich ist es zu lesen, wie er bei vollem Bewußtsein seines Zusammenbruchs auf die Liebe seiner Frau rechnet u. sich im schönsten Lichte schon nur deshalb sieht, weil er sich ihr gegenüber auch der Pflicht zur Dankbarkeit bewußt ist. Wahrhaftig ein sehr schmaler Streifen Männlichkeit! Noch beleidigender ist es zu lesen, wie er von der Höhe seines Bankerottes auf die Frau herabsieht, von der er sagt „sie würde {228} das nicht verstehen“! Ich meine dagegen: Vielleicht wäre Eeiner Frau nur das Verständnis des Schaffens, zumal eines genialen Schaffens nicht ohneweiters zuzumuten, entschieden aber zu weit geht der Mann in der Unterschätzung des Frauenintellekts[,] wenn er meint, sie verstünde sich nicht einmal auf geistigen Konkurs. Offenbar hat man es da mit einer gefährlichen Selbsttäuschung des Mannes zu tun; Floriz hofft zumindest, daß seine Frau niemals das Verständnis dafür Einsicht in seinen Konkurs erlangen würde – sicher wünscht er es auch, so sicher nur aus Egoismus. Ward je in solcher Laun’ ein zweites Kind gezeugt?

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Frau D. tritt ins Zimmer u. erkundigt sich „wann [illeg]pflegte Herr Perutz zu kommen?“ Der unbefangene Ton der Frage ließ mich zunächst vermuten, die Frau habe entweder selbst den Wunsch nach einer 3. Stunde , oder wisse eine dritte Person, die gerne jene 2 Stunden übernehmen möchte. Ich gebe Antwort, u. bekomme aber von ihr, aller Erwartung entgegen, den Vorschlag zu hören, ob sie nicht ausnahmsweise statt Freitag schon am Donnerstag kommen dürfe! Daher also der verschmitzte Krämerzug! Mit dem Vorbehalt, sie deswegen vor Lie-Liechen zu bestrafen, sage ich ihr scheinbar zu. Sie meidet es in der Folge davon zu sprechen, während ich, kaum daß wir Lie-Liechen begrüßt hatten, auf diese Frage zurückkomme u. betone, daß es nur wirklich einmal ausnahmsweise geschehen könnte, da es sonst die übrigen Schüler zu ähnlichen Wünschen verleiten würde. Nun erst tritt die Frau von ihrer Bitte zurück u. erst [illeg]später, nachdem sie fort war, deutete es Lie-Liechen sehr richtig als Versuch, schon Donnerstag auf die Rax fahren zu können. – Mittags, da wir ins Gasthaus eintreten, finden wir alle Tische besetzt; an einem Tische sitzt eine einzelne Frau u. wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie bereits gezahlt habe. Wir setzen uns nun zu dritt an eben diesen Tisch, erleben aber die Ueberraschung, daß die Frau nicht im geringsten Miene macht fortzugehen. Wir konnten uns ihr Sitzenbleiben nicht erklären u. alle meine Versuche, ihr den Weggang nahezulegen, miß- {229} langen, so drastisch sie auch waren. Auf dem Wege ins Caféhaus meinte Frau D., sie könne sich solche Rücksichtslosigkeit gar nicht vorstellen; sie selbst, sei allezeit bereit zur Liebenswürdigkeit u. Rücksicht bereit , u. könne daher die Bosheit der Menschen wirklich gar nicht begreifen usw. (!)

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Gesetze: Inhalt der Gesetze ist meist sozusagen nur die Gesetzesform selbst. Daß ein Gesetz überhaupt sei, ist vorläufig erst Hauptsache des Gesetzes – der Inhalt ist Nebensache. sSobald ein Gesetz ihn es ausspr iacht, ist konnte Aauch der Verbrennung[s]tod durch den Scheiterhaufen ist Inhalt des Gesetzes sein, sowenig ein solcher Inhalt den Fundamentalgesetzen der Logik entspr iacht. Leider wird es niemals unmöglich sein, je den Inhalt auf die Höhe der Gesetzesform zu bringen, so lange nur das Prinzip des Geldes unter den Menschen wirken wird!

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Der Reiche: Hätschelt nicht aber schon die Bibel selbst den Reichen, indem sie bei der Darstellung der Begebenheiten die Hauptaufmerksamkeit nur Personen zuwendet, die nach damaligen Begriffen Träger des Reichtums waren, indem sie über viel Rinder, Schafe usw. verfügten? Ob nicht also schon hier dort, in der Bibel die Hauptwurzel aller Uebel zu suchen ist? (belege nachsuchen!)

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© Transcription Marko Deisinger.

May 9, 1916. The drop in temperature persists; in cool weather, a beautifully fine day.

— 2,000 Kronen subscribed to the fourth issue of war bonds. —

— Postcard to Mama: greetings and communication of the imminent meeting with Maiulik

— Postcard from Sophie: she is travelling with Hans to Lemberg, and Guttmann will remain a civilian doctor. —

— Letter from Floriz from Baden, "Hotel Bristol". An obituary of himself! It is almost painful to read how he is expecting, with complete consciousness the breakdown of his wife's love, and that he sees himself in the most favorable light only because he is conscious of the duty of gratitude towards her. To be sure, a thin stripe of manliness! It is even more offensive to read how he, at the summit of his bankruptcy, looks down upon his wife, about whom he says: "She would not understand this"! {228} On the contrary, in my view, a woman may perhaps not have an automatic understanding of creativity, especially a genius-imbued creativity; but a man goes too far in undervaluing the female intellect if he thinks it would not even understand intellectual insolvency. Evidently, it is a case of a dangerous self-deception on the part of the man; Floriz hopes at least that his wife would never acquire insight into his insolvency – even if he wishes it, then surely only out of egoism. Was ever a second child conceived against such a background?

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Mrs. Deutsch enters my room and asks me "when did Mr. Perutz used to come?" From the natural tone of the question, I suspected at first that the lady either wanted a third weekly lesson herself or that she knew someone who would be happy to take those two hours. I reply, but against all expectation I hear the suggestion that she might, exceptionally, be permitted to come on Thursday instead of Friday! Thus the greedy business ploy! Not wishing to punish her in front of Lie-Liechen, I pretend to agree. She avoids speaking about it in the course of the conversation; whereas I, hardly had we said hello to Lie-Liechen, return to this matter and emphasize that it could only happen once, as an exception, otherwise my other pupils will be tempted to make similar requests. Only now does the lady withdraw her request; and it was not until later, after she had left, that Lie-Liechen very astutely saw it as an attempt to travel to the Rax mountains as early as Thursday. – At noon, when we enter the restaurant, we find all the tables occupied. At one table sits a woman on her own who, as we are made aware, has just paid. So the three of us sit down at this very table, but we are surprised to discover that the lady shows not the slightest intention of leaving. We could not understand why she remained seated; and all my attempts to suggest to her that she might leave were to no avail, {229} as drastic as they may have been. On the way to the coffee house, Mrs. Deutsch said she could not at all imagine such thoughtlessness; she herself, being at all times willing to show kindness and consideration, could really not comprehend the wickedness of people, etc. (!) —

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Laws: the content of laws is for the most part, so to speak, only the formulation of the law itself. That a law exists in the first place is, initially, the main point of the law – its content is of secondary importance. As soon as a law expressed it, even death by being burned at the stake could have been the content of the law, so little does such content correspond to the fundamental principles of logic. Unfortunately, it will never be possible to bring the content of a law up to the level of its formulation so long as only the money principle is effective among people!

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The rich man: does not the Bible itself pamper the rich, since in its account of events it turns its main attention only on people who were the bearers of wealth, according to olden principles, on the basis of how many cattle, sheep etc. they owned? Perhaps even there, in the Bible, one may seek the main root of all evil? (Proofs to be sought!)

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© Translation William Drabkin.