27. IV. 19 Sonntag!, jämmerlich kalt.

— Vormittags zu Grueber,Grueber wo wir endlich die Andenken in Empfang nehmen: ein hebräisches Gebetbuch u. zwei Silber-Kaffeelöffel, von denen der eine bereits stark beschädigt u. gelötet ist; dort begegnen wir auch Frau Lientschi u. dem kleinen Tonerl wir erfahren so manches über die Pläne von Wilhelms, wie insbesondere, daß er vorläufig noch in K. zu bleiben gedenkt; von Frau Grueber aber hören wir auch, daß Dodi sich sehr gekränkt habe über einen Ausspruch von Sophie: die Mama hätte bei ihr gehungert! Ich bemühe mich vor allem dieses Wort als Geschwätz hinzustellen, als jenes übliche Reden, wie es schon so oft den Menschen untereinander Verdruß gebracht, leider aber ein offenbar unentbehrliches Lebensrequisit ist. Frau G. steht sichtlich auf Dodis Seite u. macht m Miene, uns dafür entgelten zu lassen. Herr G. überläßt mir 2 Dosen condensierte Milch, 12 u. 18 Kronen u. nennt mir die Adresse des Caféhauses, wo ich im Bedarfsfall solche Milch kaufen könnte. — Nach Tisch zu Frau Bednař, wo Lie-Liechen das von Jetty bereitete Krautfleisch abholt; wir trinken schwarzen Café mit ihnen. — An Wilhelm (Br.): erklären, weshalb wir erst heute, so spät, das Andenken abgeholt haben u. erwähne schließlich des ungeschickten Wortes der Sophie, mache ihnen die Provenienz klar: Tante Einschenk sei muß es gewesen sein, die als Urheberin zu bezeichnen ist u. wenn Sophie ihr das Wort nachplappert, so beweist {2061} das weiter nichts, als daß sie nicht gerade kritisch prüft, was sie hört oder auf die Lippen bringt, eine Eigenschaft, die sie mit den meisten Menschen, zumal in heutiger verworrener Stunde teilt. — An Saphier (Br.): kündige eErhöhung an, aus Anlaß einer von mir selbst vorgenommenen u. erkundige mich sicherheitshalber auch darnach, ob das Pianino von Frl. Kaff schon frei geworden.

© Transcription Marko Deisinger.

April 27, 1919 Sunday!, irritatingly cold.

— In the morning to the Grueber,Grueber where we finally accept the keepsake: a Hebrew prayer book and two silver coffee spoons, one of which is already severely damaged and soldered; there we also see Mrs. Lientschi and young Tonerl we learn this and that about Wilhelm's plans, especially that he temporarily still plans to stay in Kautzen; we also hear from Mrs. Grueber that Dodi was deeply insulted by a comment Sophie made: Mama went hungry at her [Dodi's] home! I attempt to pass off especially this comment as gossip, as the typical talk that so often causes strife between people, but which is apparently an indispensable necessity of life. Mrs. Grueber is visibly on Dodi's side and seems ready to make us pay for it. Mr. Grueber gives me two cans of condensed milk, 12 and 18 Kronen, and gives me the address of the coffeehouse where I can buy such milk if needed. — After lunch to Mrs. Bednař's, where Lie-Liechen picks up the herb meat prepared by Jetty; we drink black coffee with them. — To Wilhelm (letter): explain why we only picked up the keepsake today, so late, and ultimately mention Sophie's clumsy words, clarify the provenance: It was Aunt Einschenk who was had to have been called the author and if Sophie parrots her, it proves {2061} nothing more than that [she] does not exactly critically question what she hears or what passes her lips, an attribute that she shares with most people, at least in these muddled times. — To Saphier (letter): announce [fee] increase based on the one initiated by me and ask, just to be sure, whether Miss Kaff's pianino has already been made available.

© Translation Scott Witmer.

27. IV. 19 Sonntag!, jämmerlich kalt.

— Vormittags zu Grueber,Grueber wo wir endlich die Andenken in Empfang nehmen: ein hebräisches Gebetbuch u. zwei Silber-Kaffeelöffel, von denen der eine bereits stark beschädigt u. gelötet ist; dort begegnen wir auch Frau Lientschi u. dem kleinen Tonerl wir erfahren so manches über die Pläne von Wilhelms, wie insbesondere, daß er vorläufig noch in K. zu bleiben gedenkt; von Frau Grueber aber hören wir auch, daß Dodi sich sehr gekränkt habe über einen Ausspruch von Sophie: die Mama hätte bei ihr gehungert! Ich bemühe mich vor allem dieses Wort als Geschwätz hinzustellen, als jenes übliche Reden, wie es schon so oft den Menschen untereinander Verdruß gebracht, leider aber ein offenbar unentbehrliches Lebensrequisit ist. Frau G. steht sichtlich auf Dodis Seite u. macht m Miene, uns dafür entgelten zu lassen. Herr G. überläßt mir 2 Dosen condensierte Milch, 12 u. 18 Kronen u. nennt mir die Adresse des Caféhauses, wo ich im Bedarfsfall solche Milch kaufen könnte. — Nach Tisch zu Frau Bednař, wo Lie-Liechen das von Jetty bereitete Krautfleisch abholt; wir trinken schwarzen Café mit ihnen. — An Wilhelm (Br.): erklären, weshalb wir erst heute, so spät, das Andenken abgeholt haben u. erwähne schließlich des ungeschickten Wortes der Sophie, mache ihnen die Provenienz klar: Tante Einschenk sei muß es gewesen sein, die als Urheberin zu bezeichnen ist u. wenn Sophie ihr das Wort nachplappert, so beweist {2061} das weiter nichts, als daß sie nicht gerade kritisch prüft, was sie hört oder auf die Lippen bringt, eine Eigenschaft, die sie mit den meisten Menschen, zumal in heutiger verworrener Stunde teilt. — An Saphier (Br.): kündige eErhöhung an, aus Anlaß einer von mir selbst vorgenommenen u. erkundige mich sicherheitshalber auch darnach, ob das Pianino von Frl. Kaff schon frei geworden.

© Transcription Marko Deisinger.

April 27, 1919 Sunday!, irritatingly cold.

— In the morning to the Grueber,Grueber where we finally accept the keepsake: a Hebrew prayer book and two silver coffee spoons, one of which is already severely damaged and soldered; there we also see Mrs. Lientschi and young Tonerl we learn this and that about Wilhelm's plans, especially that he temporarily still plans to stay in Kautzen; we also hear from Mrs. Grueber that Dodi was deeply insulted by a comment Sophie made: Mama went hungry at her [Dodi's] home! I attempt to pass off especially this comment as gossip, as the typical talk that so often causes strife between people, but which is apparently an indispensable necessity of life. Mrs. Grueber is visibly on Dodi's side and seems ready to make us pay for it. Mr. Grueber gives me two cans of condensed milk, 12 and 18 Kronen, and gives me the address of the coffeehouse where I can buy such milk if needed. — After lunch to Mrs. Bednař's, where Lie-Liechen picks up the herb meat prepared by Jetty; we drink black coffee with them. — To Wilhelm (letter): explain why we only picked up the keepsake today, so late, and ultimately mention Sophie's clumsy words, clarify the provenance: It was Aunt Einschenk who was had to have been called the author and if Sophie parrots her, it proves {2061} nothing more than that [she] does not exactly critically question what she hears or what passes her lips, an attribute that she shares with most people, at least in these muddled times. — To Saphier (letter): announce [fee] increase based on the one initiated by me and ask, just to be sure, whether Miss Kaff's pianino has already been made available.

© Translation Scott Witmer.