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25. VII.

Ich gehe mit der Absicht aus, Herrn Doerler nach der Adresse des Herrn Koegel in Valparaiso zu fragen, bleibe aber bei Herrn Gerstner (d’Ora) hängen, der sich noch einmal Victors Adresse u. Casilla-Nummer aufschreibt. — Um ¼4h holt mich Kieslings Chauffeur nach Valdivia ab. Herzlicher Empfang, nach kurzer zeit Abfahrt zum Fundo, Dauer etwa 20 Minuten bergwärts. Schon auf dem Weg zur Villa, vorüber an den weiten Park-Anlagen, beim Anblick einer Unmenge von Maßliebchen, die den Frühling wittern u. auferstehn, packt mich ein wilder Schmerz u. schmerzlichste Sehnsucht nach dem geliebten Mann, ich komme mit nassen Augen in der Villa an.

Das Terrain des Fundo ist, wie mir die junge Frau sagt, nur wenig kleiner als das Großherzogtum Li[e]chtenstein! Groß angelegte Bienenzucht, im Aeußern ganz anders als bei uns: Jeder Schwarm hat ein eigenes Haus eine Baumschule [small drawing] „. . wir werden eine Million Eukalyptusbäume pflanzen ..“ erzählt mir die junge Frau, als wir allein auf der Bienenbank sitzen. Es ist so warm, die Dame sitzt ohne Ueberkleid – sie bedauert so sehr als hätte sie Schuld daran, daß ein leichter Dunstschleier vor uns liegt, der aber durchaus nicht die grandiose Schönheit des Landschaftsbildes mindert. Unten fließt der junge Mapocho 1 – er wird ja gar nicht alt, schon stürzt er sich ins Meer – u. hinter immer höheren Vorbergen die eis- u. schneebedeckte Kette der Cordillere, 5300m hoch, fast 1000m höher als der {60} Montblanc.

Tief drin in den Bergen hat die Familie eine Berghütte, in der sie im Frühling 14 Tage hausen. Zum Fundo gehört ein kleines hübsches Haus für den Administrator, auf der Terasse trinken wir den Café, dazu hausgemachtes Brot u. kostlichen [sic] Honig, auch feine Butter von den 100 in den Bergen weidenden Kühen, sie sind hier weiß u. schwarz gefleckt u. muten ganz fremdartig an. Vor dem Hause ein großer blühender Baum – eine Mimose!, ich habe sie mir immer als Strauch gedacht, – Mandelbäume, Wolfsmilch als Strauch. „die Indios (mit denen sie Tür an Tür wohnen!!) tränken die Pfeilspitzen mit dem Saft“ erzählt die junge Frau u. „vor kurzem hat uns ein Puma mehrere Muli gerissen“ — Ein ganz starker Eindruck u. brennend ist der Schmerz darüber, daß ich ihn nicht mit dem geliebten Manne teilen kann. Die Herrschaften bringen mich in ihrem Wagen bis vors Haus, Herr v. K. trägt mir Grüße an Vrieslander auf, ich danke allen für ihre große Freundlichkeit u. lade die junge Frau noch zu einem Thee bei mir ein, sie sagt für Donnerstag zu. Es ist schon dunkel, da ich wieder mein Zimmer betrete. —

© Transcription William Drabkin, 2024

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July 25

I go out with the intention of asking Mr. Doerler for Mr. Kögel’s address in Valparaiso, but I remain with Mr. Gerstner (at d’Ora), who writes out Victor’s address and mailbox number once more. — At 3:15, the Kieslings’ chauffeur collects me to go to Valdivia. Cordial greeting; we leave after a short time for the country estate, which is about a 20-minute uphill drive. Even on the way to the villa, across broad stretches of parkland, as I look at countless meadow daisies which forecast the arrival of spring, I am seized by a wild pain and the most painful yearning after my beloved husband, and arrive at the villa with moist eyes.

The terrain of the country estate, so the young woman tells me, is only a little smaller than the Grand Duchy of Liechtenstein! Bee cultivation on a grand scale, in appearance very different from ours: every swarm has a house to itself [small drawing], a nursery: “we shall plant a million eucalyptus trees,” the young woman tells me as we sit together alone on the bench overlooking the bee houses. It is so warm that the lady sits there without any outer wear – she apologizes profusely, as if she were at fault that a thin veil of mist lies in front of us, though it in no way diminishes the grandiose beauty of the scenery. Beneath us, the young Mapocho River 1 flows – it will not be old at all when it plunges into the sea – and behind us are the ever taller foothills of the ice- and snow-covered Cordillere mountain ridge, 5,300 meters above sea level, nearly 1,000 meters taller than Mont Blanc.

{60} Deep in the mountains, the family have a mountain hut where they spend two weeks in the early spring. The country estate also has an attractive little house for the administrator; we drink coffee on the terrace, and with it homemade bread and delectable honey, also fine butter from the 100 cows that graze on the mountains; they have white and black spots and look quite strange. In front of the house, a great tree in blossom – a mimosa! I have always thought of it as a bush. Almond trees, euphorbia as a bush: “the Indians (with whom they live side by side!!) would drink the arrowheads with the juice,” the young woman tells me; and “recently a puma tore apart several mules” — This makes a very strong impression on me, and I burn with pain for not being able to share it with my beloved husband. The company bring me in their car to the front of my guesthouse; Mr. Kiesling asks me to convey greetings to Vrieslander; I thank everyone for their great friendliness and invite the young woman once more to tea at my place; she accepts for Thursday [July 30]. It is already dark when I enter my room again. —

© Translation William Drabkin, 2024

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25. VII.

Ich gehe mit der Absicht aus, Herrn Doerler nach der Adresse des Herrn Koegel in Valparaiso zu fragen, bleibe aber bei Herrn Gerstner (d’Ora) hängen, der sich noch einmal Victors Adresse u. Casilla-Nummer aufschreibt. — Um ¼4h holt mich Kieslings Chauffeur nach Valdivia ab. Herzlicher Empfang, nach kurzer zeit Abfahrt zum Fundo, Dauer etwa 20 Minuten bergwärts. Schon auf dem Weg zur Villa, vorüber an den weiten Park-Anlagen, beim Anblick einer Unmenge von Maßliebchen, die den Frühling wittern u. auferstehn, packt mich ein wilder Schmerz u. schmerzlichste Sehnsucht nach dem geliebten Mann, ich komme mit nassen Augen in der Villa an.

Das Terrain des Fundo ist, wie mir die junge Frau sagt, nur wenig kleiner als das Großherzogtum Li[e]chtenstein! Groß angelegte Bienenzucht, im Aeußern ganz anders als bei uns: Jeder Schwarm hat ein eigenes Haus eine Baumschule [small drawing] „. . wir werden eine Million Eukalyptusbäume pflanzen ..“ erzählt mir die junge Frau, als wir allein auf der Bienenbank sitzen. Es ist so warm, die Dame sitzt ohne Ueberkleid – sie bedauert so sehr als hätte sie Schuld daran, daß ein leichter Dunstschleier vor uns liegt, der aber durchaus nicht die grandiose Schönheit des Landschaftsbildes mindert. Unten fließt der junge Mapocho 1 – er wird ja gar nicht alt, schon stürzt er sich ins Meer – u. hinter immer höheren Vorbergen die eis- u. schneebedeckte Kette der Cordillere, 5300m hoch, fast 1000m höher als der {60} Montblanc.

Tief drin in den Bergen hat die Familie eine Berghütte, in der sie im Frühling 14 Tage hausen. Zum Fundo gehört ein kleines hübsches Haus für den Administrator, auf der Terasse trinken wir den Café, dazu hausgemachtes Brot u. kostlichen [sic] Honig, auch feine Butter von den 100 in den Bergen weidenden Kühen, sie sind hier weiß u. schwarz gefleckt u. muten ganz fremdartig an. Vor dem Hause ein großer blühender Baum – eine Mimose!, ich habe sie mir immer als Strauch gedacht, – Mandelbäume, Wolfsmilch als Strauch. „die Indios (mit denen sie Tür an Tür wohnen!!) tränken die Pfeilspitzen mit dem Saft“ erzählt die junge Frau u. „vor kurzem hat uns ein Puma mehrere Muli gerissen“ — Ein ganz starker Eindruck u. brennend ist der Schmerz darüber, daß ich ihn nicht mit dem geliebten Manne teilen kann. Die Herrschaften bringen mich in ihrem Wagen bis vors Haus, Herr v. K. trägt mir Grüße an Vrieslander auf, ich danke allen für ihre große Freundlichkeit u. lade die junge Frau noch zu einem Thee bei mir ein, sie sagt für Donnerstag zu. Es ist schon dunkel, da ich wieder mein Zimmer betrete. —

© Transcription William Drabkin, 2024

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July 25

I go out with the intention of asking Mr. Doerler for Mr. Kögel’s address in Valparaiso, but I remain with Mr. Gerstner (at d’Ora), who writes out Victor’s address and mailbox number once more. — At 3:15, the Kieslings’ chauffeur collects me to go to Valdivia. Cordial greeting; we leave after a short time for the country estate, which is about a 20-minute uphill drive. Even on the way to the villa, across broad stretches of parkland, as I look at countless meadow daisies which forecast the arrival of spring, I am seized by a wild pain and the most painful yearning after my beloved husband, and arrive at the villa with moist eyes.

The terrain of the country estate, so the young woman tells me, is only a little smaller than the Grand Duchy of Liechtenstein! Bee cultivation on a grand scale, in appearance very different from ours: every swarm has a house to itself [small drawing], a nursery: “we shall plant a million eucalyptus trees,” the young woman tells me as we sit together alone on the bench overlooking the bee houses. It is so warm that the lady sits there without any outer wear – she apologizes profusely, as if she were at fault that a thin veil of mist lies in front of us, though it in no way diminishes the grandiose beauty of the scenery. Beneath us, the young Mapocho River 1 flows – it will not be old at all when it plunges into the sea – and behind us are the ever taller foothills of the ice- and snow-covered Cordillere mountain ridge, 5,300 meters above sea level, nearly 1,000 meters taller than Mont Blanc.

{60} Deep in the mountains, the family have a mountain hut where they spend two weeks in the early spring. The country estate also has an attractive little house for the administrator; we drink coffee on the terrace, and with it homemade bread and delectable honey, also fine butter from the 100 cows that graze on the mountains; they have white and black spots and look quite strange. In front of the house, a great tree in blossom – a mimosa! I have always thought of it as a bush. Almond trees, euphorbia as a bush: “the Indians (with whom they live side by side!!) would drink the arrowheads with the juice,” the young woman tells me; and “recently a puma tore apart several mules” — This makes a very strong impression on me, and I burn with pain for not being able to share it with my beloved husband. The company bring me in their car to the front of my guesthouse; Mr. Kiesling asks me to convey greetings to Vrieslander; I thank everyone for their great friendliness and invite the young woman once more to tea at my place; she accepts for Thursday [July 30]. It is already dark when I enter my room again. —

© Translation William Drabkin, 2024

Footnotes

1 From this mention of the Mapocho River, one can infer that the Kiesling’s country estate lay to the south of Santiago city center.