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1. VIII. ⇧ Brief an Dr. Weisse per Luftpost. 1 — Suche Frl. Herzog in ihren Schulraum auf, Estado 91. Es ist sehr hübsch anzusehen, wie die Damen zur Musik – Frl. Herzog spielt Klavier – mit vielem Ernst die Keulen schwingen. Nach der Lektion sitze ich mit der jungen Dame noch eine Weile bei dem kleinen Gasöfchen, sie raucht, bietet Naschwerk an u. erzählt aus ihrem Leben, das recht bewegt gewesen ist. Ich habe ihr ein Veilchensträußchen mitge- {71} -bracht, Veilchen, zehnmal so groß als die unseren: lange kräftige Stengel tragen große kräftig duftende Blüten – aber: sind denn das noch Veilchen, an denen gerade das Zarte, fast Gebrechliche an unser Herz rührt? — Um ½1h sehe ich Herrn Eisenberg in seinem Laden, ich trete ein, u. wir verabreden: um 1h vor dem Geschäft, wo sich auch Frau Noëmi einfinden werde. Es regnet, ich trete bei d’Ora ein u. verabschiede mich von den Herren Gerstner u. Lange. Um 1h ist wohl Herr aber nicht Frau Eisenberg vor dem Geschäft, sie kommt, wir speisen (!) in der „Naturalista“. Die jungen Leute werden sich von den Eltern der Frau trennen, sie beziehen ein anderes kleines Häuschen. Begleiten mich bis zur Pension, wollen mich morgen um ½5h abholen! — Eine hübsche Tierscene beobachtet: Ein Mann schaut sehr interessirt an einer Hauswand empor, natürlich suche ich die Ursache u. sehe auf einem Balkon eine große schwarze Katze – von dem höheren Balkon aus versucht ein kleiner Affe zu ihr zu gelangen. Ob ihn freundliche oder feindliche Gefühle leiten, ist nicht zu erkennen, nur eben das Eine, daß er auf verschiedene Art zu ihr hin strebt, die einzig mögliche aber, den Sprung, doch nicht wagt. Da das eine Geschichte ohne Ende bleiben muß, entfernt man sich, immerhin angeregt durch das hübsche Bild. — © Transcription William Drabkin, 2024 |
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August 1 ⇧ Letter to Dr. Weisse sent by airmail. 1 — I look for Miss Herzog in her classroom, Estado 91. It is very pretty to see how the ladies brandish their clubs with great purpose to the music while Miss Herzog plays the piano. After the lesson, I sit with the young lady a while longer beside the small gas fire. She smokes, offers me a snack, and tells me about her life, which has been quite an active one. I have brought her a small bouquet of violets, {71} violets that are ten times as big as ours: long, strong stems bear large blooms that have a powerful scent; and yet: they are still violets whose tenderness, almost frailty, touches our hearts. — At 12:30 I see Mr. Eisenberg in his shop; I enter, and we agree to meet at 1 o’clock in front of the shop, where Mrs. Noëmi will also appear. It is raining; I enter d'Ora and take my leave of Messrs. Gerstner and Lange. At 1 o’clock Mr. Eisenberg but not his wife is standing in front of his shop; she arrives, we eat (!) at the Naturalista. The young people will separate themselves from the wife’s parents; they are purchasing another, small house. They accompany me to my guesthouse, he will collect me tomorrow at 4:30! — A cute animal scene observed: a man is looking up with great interest at the wall of a house. Naturally I want to know the reason, and I see a large black cat on a balcony. From a higher balcony, a small ape attempts to approach it. Whether it is motivated by friendly or hostile feelings cannot be determined; only the one thing, that it is striving to reach it; and yet it dares not take the only possible route, by jumping. As this is a story that must remain without an end; one takes one’s leave, nonetheless stimulated by the charming scene. — © Translation William Drabkin, 2024 |
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1. VIII. ⇧ Brief an Dr. Weisse per Luftpost. 1 — Suche Frl. Herzog in ihren Schulraum auf, Estado 91. Es ist sehr hübsch anzusehen, wie die Damen zur Musik – Frl. Herzog spielt Klavier – mit vielem Ernst die Keulen schwingen. Nach der Lektion sitze ich mit der jungen Dame noch eine Weile bei dem kleinen Gasöfchen, sie raucht, bietet Naschwerk an u. erzählt aus ihrem Leben, das recht bewegt gewesen ist. Ich habe ihr ein Veilchensträußchen mitge- {71} -bracht, Veilchen, zehnmal so groß als die unseren: lange kräftige Stengel tragen große kräftig duftende Blüten – aber: sind denn das noch Veilchen, an denen gerade das Zarte, fast Gebrechliche an unser Herz rührt? — Um ½1h sehe ich Herrn Eisenberg in seinem Laden, ich trete ein, u. wir verabreden: um 1h vor dem Geschäft, wo sich auch Frau Noëmi einfinden werde. Es regnet, ich trete bei d’Ora ein u. verabschiede mich von den Herren Gerstner u. Lange. Um 1h ist wohl Herr aber nicht Frau Eisenberg vor dem Geschäft, sie kommt, wir speisen (!) in der „Naturalista“. Die jungen Leute werden sich von den Eltern der Frau trennen, sie beziehen ein anderes kleines Häuschen. Begleiten mich bis zur Pension, wollen mich morgen um ½5h abholen! — Eine hübsche Tierscene beobachtet: Ein Mann schaut sehr interessirt an einer Hauswand empor, natürlich suche ich die Ursache u. sehe auf einem Balkon eine große schwarze Katze – von dem höheren Balkon aus versucht ein kleiner Affe zu ihr zu gelangen. Ob ihn freundliche oder feindliche Gefühle leiten, ist nicht zu erkennen, nur eben das Eine, daß er auf verschiedene Art zu ihr hin strebt, die einzig mögliche aber, den Sprung, doch nicht wagt. Da das eine Geschichte ohne Ende bleiben muß, entfernt man sich, immerhin angeregt durch das hübsche Bild. — © Transcription William Drabkin, 2024 |
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August 1 ⇧ Letter to Dr. Weisse sent by airmail. 1 — I look for Miss Herzog in her classroom, Estado 91. It is very pretty to see how the ladies brandish their clubs with great purpose to the music while Miss Herzog plays the piano. After the lesson, I sit with the young lady a while longer beside the small gas fire. She smokes, offers me a snack, and tells me about her life, which has been quite an active one. I have brought her a small bouquet of violets, {71} violets that are ten times as big as ours: long, strong stems bear large blooms that have a powerful scent; and yet: they are still violets whose tenderness, almost frailty, touches our hearts. — At 12:30 I see Mr. Eisenberg in his shop; I enter, and we agree to meet at 1 o’clock in front of the shop, where Mrs. Noëmi will also appear. It is raining; I enter d'Ora and take my leave of Messrs. Gerstner and Lange. At 1 o’clock Mr. Eisenberg but not his wife is standing in front of his shop; she arrives, we eat (!) at the Naturalista. The young people will separate themselves from the wife’s parents; they are purchasing another, small house. They accompany me to my guesthouse, he will collect me tomorrow at 4:30! — A cute animal scene observed: a man is looking up with great interest at the wall of a house. Naturally I want to know the reason, and I see a large black cat on a balcony. From a higher balcony, a small ape attempts to approach it. Whether it is motivated by friendly or hostile feelings cannot be determined; only the one thing, that it is striving to reach it; and yet it dares not take the only possible route, by jumping. As this is a story that must remain without an end; one takes one’s leave, nonetheless stimulated by the charming scene. — © Translation William Drabkin, 2024 |
Footnotes1 Cf. July 31 for the content of this letter. |