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OJ 14/10, [16] - Handwritten letter with envelope from Rosa Weil to Jeanette Schenker, dated January 23, 1935
[envelope]
{recto} [An:] ⇧ Frau Dr. Heinrich Schenker Wien III. Keilgasse 8. ⇧ 12 [postmark:] || Ú[STÍ NAD LABEM 2] | [illeg] 35 | 3d. | * AUSSIG 2 * || {verso} [Absender:] ⇧ R. Weil, Westphalenstr. 25. Aussig a/E. C. S. R. [letter] ⇧ Aussig, 23. I. 1935. Meine liebe Schwester 1 Ich wollte Dir gewiß schreiben, wollte aber auch die wenigen Stunden mit Lene genießen und am nächsten Tag war gleich Wäsche und allerhand für mich zu tun und zu besorgen, besonders Lene’s Sachen, die heute früh ganz zeitig der Chauffeur schon wieder nach Prag; mitgenomment hat. So kam Dein Brief früher und ich war ein bißl beschämt; denn an mir ist es, Dir nochmals für alles liebe und gute zu danken. Die Reise 2 war {2} für mich garkeine Anstrengung, denn so ein gebrechliches Mutterl bin ich ja noch nicht. Du bist mich mit soviel Liebe und Sorge umgeben, wie kannst Du nur sagen, daß ich irgendetwas bei Dir entbehren mußte; zwar wird man bei Zentralheizung mich fließendem Heißwasser etwas verwöhnt, doch bin ich anpassungsfähig und hätte mich in weiteren zwei Tagen vollständig an alles gewöhnt; 3 es war mir bei meiner Rückkehr schon zu warm im Hause. Anstatt daß ich Dich ins Bett gebracht und für Dich gesorgt und gekocht hätte, hast Du mich fortwährend bedient; nachher habe ich mir darüber schreck- {3} liche Vorwürfe gemacht. Es hat mir bei Dir so gut gefallen, alles atmet Kultur und Pflege und ich habe aufrichtig bedauert, daß ich leider zu spät gekommen bin. 4 Ich kann Deinen großen Schmerz voll und ganz nachempfinden und trotzdem ich den lieben Heinrich leider nicht gekannt habe, weiß ich sehr wohl, was Du verloren hast. Doch ein erhebendes Bewußtsein bleibt Dir für alle Zeit: für und mit diesem großen Menschen gelebt, ihn geliebt zu haben, von ihm geliebt werden zu sein und an seinem großen Lebenswerk mitgearbeitet zu haben. Dieses Bewußtsein {4} muß Dich stolz machen und aufrecht erhalten! Freilich ist die Lücke und Leere groß und ich kann Deine große Trauer und Müdigkeit so gut verstehen. Deshalb mache ich Dir einen aus aufrichtigem Herzen kommenden Vorschlag; komm für einige Zeit zu uns! Wir sind einfache, schlichte Menschen, vielleicht wirst Du Dich gerade deshalb bei uns ausruhen und neue Kraft sammeln! Soweit es in meinen schwachen Kräften steht, möchte ich es Dir recht behaglich machen; wir würden kleine Spaziergänge machen und wenn Du nicht willst, mußt Du keinen Menschen treffen! Das ist keine Phrase, ich ⇧ wir ⇧ meine ⇧ n ⇧ es ehrlichl! ⇧ arnold
© Transcription Ian Bent, 2024 |
[envelope]
{recto} [To:] ⇧ Mrs. Heinrich Schenker Vienna III Keilgasse 8 ⇧ 12 [postmark:] || Ú[STÍ NAD LABEM 2] | [illeg] 35 | 3d. | * AUSSIG 2 * || {verso} [From:] ⇧ R. Weil, Westphalenstraße 25 Aussig on the Elbe Czechoslovakia [letter] ⇧ Aussig, January 23, 1935 My dear sister, 1 I particularly wanted to write to you, but also wanted to enjoy my few hours with Lene, then the next day there were clothes washing and all kinds of other chores waiting for me to take care of, especially as concerned Lene, whom the chauffeur has taken back with him to Prague very early this morning. So when your letter arrived early on, I felt rather ashamed, for it is I who should once again be thanking you for all the dear, kind things [you did for me]. The journey 2 was {2} no strain at all for me – I’m certainly not yet so frail a Mom as all that. You surrounded me with so much love and attention; how can you say that I had to do without with anything whatsoever while with you?! It’s true that, having central heating, I’m somewhat cosseted by running hot water, but I’m adaptable, and would have adjusted completely to everything over the following two days. 3 On my return, it was too warm in the house. Instead of my having put you to bed, taken care of you, and cooked for you, you constantly served me. I have since then {3} reproached myself terribly for that. Being with you was so very pleasing; everything [there] breathes culture and nurture, and I regretted deeply that I arrived too late. 4 I can sympathize fully with your pain, and despite the fact that I, alas, did not know Heinrich, I appreciate full well what you have lost. A heightened sensibility will remain with you for evermore: to have lived with and for this great human being, to have loved him and been loved by him, and to have contributed to his great life’s work. This sensibility {4} must make you proud and sustain you! True, the absence, the emptiness is great, and I can so well understand your great sorrow and weariness. On that account, I make you with sincere heart a suggestion: come stay with for a while! We are simple, unpretentious people; perhaps, precisely for that reason, you will rest and gather new strength! I should like, so far as my feeble powers allow, to make you really comfortable. We would take short walks and, if you don’t want to, there would be no obligation for you to meet other people. Those are no mere words: I ⇧ we ⇧ really mean it! ⇧ Arnold
© Translation Ian Bent, 2024 |
[envelope]
{recto} [An:] ⇧ Frau Dr. Heinrich Schenker Wien III. Keilgasse 8. ⇧ 12 [postmark:] || Ú[STÍ NAD LABEM 2] | [illeg] 35 | 3d. | * AUSSIG 2 * || {verso} [Absender:] ⇧ R. Weil, Westphalenstr. 25. Aussig a/E. C. S. R. [letter] ⇧ Aussig, 23. I. 1935. Meine liebe Schwester 1 Ich wollte Dir gewiß schreiben, wollte aber auch die wenigen Stunden mit Lene genießen und am nächsten Tag war gleich Wäsche und allerhand für mich zu tun und zu besorgen, besonders Lene’s Sachen, die heute früh ganz zeitig der Chauffeur schon wieder nach Prag; mitgenomment hat. So kam Dein Brief früher und ich war ein bißl beschämt; denn an mir ist es, Dir nochmals für alles liebe und gute zu danken. Die Reise 2 war {2} für mich garkeine Anstrengung, denn so ein gebrechliches Mutterl bin ich ja noch nicht. Du bist mich mit soviel Liebe und Sorge umgeben, wie kannst Du nur sagen, daß ich irgendetwas bei Dir entbehren mußte; zwar wird man bei Zentralheizung mich fließendem Heißwasser etwas verwöhnt, doch bin ich anpassungsfähig und hätte mich in weiteren zwei Tagen vollständig an alles gewöhnt; 3 es war mir bei meiner Rückkehr schon zu warm im Hause. Anstatt daß ich Dich ins Bett gebracht und für Dich gesorgt und gekocht hätte, hast Du mich fortwährend bedient; nachher habe ich mir darüber schreck- {3} liche Vorwürfe gemacht. Es hat mir bei Dir so gut gefallen, alles atmet Kultur und Pflege und ich habe aufrichtig bedauert, daß ich leider zu spät gekommen bin. 4 Ich kann Deinen großen Schmerz voll und ganz nachempfinden und trotzdem ich den lieben Heinrich leider nicht gekannt habe, weiß ich sehr wohl, was Du verloren hast. Doch ein erhebendes Bewußtsein bleibt Dir für alle Zeit: für und mit diesem großen Menschen gelebt, ihn geliebt zu haben, von ihm geliebt werden zu sein und an seinem großen Lebenswerk mitgearbeitet zu haben. Dieses Bewußtsein {4} muß Dich stolz machen und aufrecht erhalten! Freilich ist die Lücke und Leere groß und ich kann Deine große Trauer und Müdigkeit so gut verstehen. Deshalb mache ich Dir einen aus aufrichtigem Herzen kommenden Vorschlag; komm für einige Zeit zu uns! Wir sind einfache, schlichte Menschen, vielleicht wirst Du Dich gerade deshalb bei uns ausruhen und neue Kraft sammeln! Soweit es in meinen schwachen Kräften steht, möchte ich es Dir recht behaglich machen; wir würden kleine Spaziergänge machen und wenn Du nicht willst, mußt Du keinen Menschen treffen! Das ist keine Phrase, ich ⇧ wir ⇧ meine ⇧ n ⇧ es ehrlichl! ⇧ arnold
© Transcription Ian Bent, 2024 |
[envelope]
{recto} [To:] ⇧ Mrs. Heinrich Schenker Vienna III Keilgasse 8 ⇧ 12 [postmark:] || Ú[STÍ NAD LABEM 2] | [illeg] 35 | 3d. | * AUSSIG 2 * || {verso} [From:] ⇧ R. Weil, Westphalenstraße 25 Aussig on the Elbe Czechoslovakia [letter] ⇧ Aussig, January 23, 1935 My dear sister, 1 I particularly wanted to write to you, but also wanted to enjoy my few hours with Lene, then the next day there were clothes washing and all kinds of other chores waiting for me to take care of, especially as concerned Lene, whom the chauffeur has taken back with him to Prague very early this morning. So when your letter arrived early on, I felt rather ashamed, for it is I who should once again be thanking you for all the dear, kind things [you did for me]. The journey 2 was {2} no strain at all for me – I’m certainly not yet so frail a Mom as all that. You surrounded me with so much love and attention; how can you say that I had to do without with anything whatsoever while with you?! It’s true that, having central heating, I’m somewhat cosseted by running hot water, but I’m adaptable, and would have adjusted completely to everything over the following two days. 3 On my return, it was too warm in the house. Instead of my having put you to bed, taken care of you, and cooked for you, you constantly served me. I have since then {3} reproached myself terribly for that. Being with you was so very pleasing; everything [there] breathes culture and nurture, and I regretted deeply that I arrived too late. 4 I can sympathize fully with your pain, and despite the fact that I, alas, did not know Heinrich, I appreciate full well what you have lost. A heightened sensibility will remain with you for evermore: to have lived with and for this great human being, to have loved him and been loved by him, and to have contributed to his great life’s work. This sensibility {4} must make you proud and sustain you! True, the absence, the emptiness is great, and I can so well understand your great sorrow and weariness. On that account, I make you with sincere heart a suggestion: come stay with for a while! We are simple, unpretentious people; perhaps, precisely for that reason, you will rest and gather new strength! I should like, so far as my feeble powers allow, to make you really comfortable. We would take short walks and, if you don’t want to, there would be no obligation for you to meet other people. Those are no mere words: I ⇧ we ⇧ really mean it! ⇧ Arnold
© Translation Ian Bent, 2024 |
Footnotes1 Heinrich’s diary is of course at an end now, with his death. — All paragraph-breaks except the last are editorial. 2 Evidently, Rosa had travelled to Vienna for Heinrich’s funeral, and the return journey is what is being referred to here. 3 Evidently the Schenker apartment. Keilgasse 8, was not centrally heated and lacked hot water, so Rosa, accustomed to her large, centrally-heated house, felt the cold during her stay. 4 Heinrich’s diary is of course at an end now, with his death. — All paragraph-breaks except the last are editorial. |
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Commentary
Digital version created: 2024-07-25 |