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Prag, am 27. XI. 1925.


Meine Lieben! 1

Wir haben der l. Lie-Lies Brief 2 u. einen Tag später auch das wundervolle Bild erhalten, das überaus kostbar ist. 3 Vor allem dafür, daß Ihr uns dieses Bild gesandt habt, vielen Dank. Mich bedrückt bei alledem der Gedanke, es könnte Euch hiedurch Kosten erwachsen sein, mit denen Ihr ursprünglich nicht gerechnet habt. Schreibt mir darüber. Uns war daran gelegen, ein Bild des l. Heinrich zu besitzen, das für uns auch dann, wenn es nicht so kunstvoll & nicht künstlerisch so wertvoll gewesen wäre, einen lieben Wert besessen hätte. Nochmals für dieses Bild vielen Dank, das uns große Freude bereitet. —

[?Mit[te]] Montag werde ich mich bemühen, zu erfahren, ob die Werke die in dem Verlag, dessen Namen ich aus einem der letzten Lie Lies mitnehmen kann, bei in den größten Buch- & Musikalienhandlungen aufliegen u. zu welchen Preisen die Bücher hier verkauft werden. {2} Das zu erfahren kann mir nicht schwer fallen, weil ich hier im Buchhandel einen über diese Dinge gut informierten Bekannten habe, der mir behilflich sein wird. Ich hoffe, Euch dann schon Freitag kommender Woche (heute ist Sonntag) 4 über das Ergebnis zu berichten. —

Lie-Lies Bild habe ich vortrefflich gefunden und ich muß sagen – schmeicheleien zu schreiben ist nicht meine Art – daß sich Lie Lie seit den Tagen, in denen ich sie zum letzten Male während des Krieges in Wien gesehen habe, kaum verändert hat. Der äußere Mensch scheint mir unverändert geblieben zu sein. Und von der Zahl der Jahre, die seither ge ver gangen sind, ist nicht zu [?meßen]. Und auch besser als auf dem Bilde von D’Ora erkenne ich auf der während des Sommeraufenthaltes entstandenen Photographie meine Schwester und ich war erstaunt darüber, wie die Jahre, die alle anderen Schwester immerhin etwas verändert haben, an Lie Lie, wie die Bilder zeigen, fast spurlos vorübergegangen zu sein scheinen. Es gibt Menschen, die derlei nicht andres zu erklären versuchen, als durch die Zunahme großer seelischer Kräfte, großer intensiver Arbeit, kurz durch ein Leben, in dem unser die Umstände {3} eine volle Entwicklung der [?Bes[t]ändigkeit] gestatten. —

Nach Erhalt Viktors Bild habe ich ihm geschrieben und ihn aufgefordert, mehr von sich hören zu lassen. Daß er nach Palästina auswandern will, hebräisch schreibt u. scheinbar auch spricht, ist, wenn ich das von einem Menschen erfahre, der die ganze Welt bereist hat, ein geradezu fürchterliches Armutszeugnis – dieser Gesellschaft, die diesen 40jährigen noch [zu] einer Weltenwanderung zwingt, in den Käfig einer nationalen Gemeinschaft Zuflucht zu nehmen, und die ihn [recte ihm] so also die letzten furchtbare Lehre gegeben zu haben, scheint, daß diese Welt in allen ihren Teilen von Hühnerhof-Instinkten beherrscht wird. Sollte er meinen Brief beantworten, so teile ich Euch darüber näheres mit. — Was man in Aussig zu Viktors Schreiben gesagt hat weiß ich nicht. — Wir hatten letzthin hier E e reignisreiche Tage, Wahlen, eine neue Regierung, u. dgl. alles Angelegenheiten, die uns etwas in Spannung hielten. Nun ist auch das vorbei und neue Begriffe verdrängen die alten.

Für heute will ich schließen und Freitag fortsetzen.


Herzlichste Grüße & Küsse Euch beiden
Von Eurem
[signed:] Paul

Viktors Bild liegt bei.



{4} Liebe Lie-Lie! 5

Nun sollte ich endlich Gelegenheit haben Dich kennen zu lernen! Und wenn es vorerst auch nur ein liebes Bild war, das mir einen lange gehegten Wunsch erfüllte, so freute ich mich darüber sehr. Aus dem Bilde allein schon erkennt man, dass diese Frau nichtme[h]r die Frau ihres Mannes, ist sondern einem bedeutenden Menschen zugleich Freund und geistiger Kamerad ist.

Der Besitz eines Bildes Deines l. Heinrich macht uns sehr stolz. Wenn wir nur durch diesen Besitz nicht zugleich auch bedruckt würden! Doch darüber schrieb schon Paul; – Heinrichs interessanter Kopf tritt fast plastisch aus dem Bild hervor – Radierungen, die Personen darstellen, sind selten von solcher lebendiger Wirkung. Viktor Hammer muß ein großer Könner sein.

-- -- --

Während ich schreibe, sitzt Lisl neben mir und hantiert mit Nadel und Schere, eine Arbeit, die meine Aufmerksamkeit fortwährend auf das Kind lenkt.


Nun grüße ich Dich und den lieben Heinrich
recht herzlich
[signed:] Anna

© Transcription William Drabkin, 2024


Prague, November 27, 1925


My dear ones, 1

We received Lie-Lie’s letter 2 and, a day later, the wonderful portrait, too, which is utterly precious. 3 Many thanks, above all for sending us this picture. I am stricken most of all by the thought that you have as a result been burdened with costs with which you hadn’t initially reckoned. Write to me about this. We were keen to have a picture of dear Heinrich which, even if it were not so artistic and so a valuable from an artistic point of view, would have been of value for us. Once again many thanks for the picture, which has given us great joy.

[?In the course of] Monday I shall make an effort to discover whether the writings issued by the publishing house whose name I can retrieve from one of Lie-Lie’s recent letters are available at in the largest bookshops and music shops, and for how much they are being sold here. {2} It should not be difficult to learn this, as I have a friend here in the book trade who is well informed about these things, and who will help me. I hope to be able to report to you the result as early as Friday of the coming week (today is Sunday). 4

I found Lie-Lie's picture excellent; and I must say – it is not my style to write flattering words – that Lie-Lie has hardly changed since the last time I saw her in Vienna during the War. The exterior person seems to me to have remained unchanged. And the number of years that have since passed cannot be measured. And I recognize my sister better on the photograph taken during the summer vacation than on the photograph from d’Ora; and I was astonished about how the years, which have nonetheless changed the appearance of all my other sisters, seem to have passed by without leaving a trace on Lie-Lie, as the photographs show. There are people who attempt to explain such things as the result of nothing other than the growth of spiritual powers and great intensive work, in short, the result of a life in which our the conditions permit {3} a complete deployment of [?steadfast application].

After I received Viktor’s picture, I wrote to him and requested that he say more about himself. That he wants to emigrate to Palestine and writes in (and apparently speaks) Hebrew is something which, coming from a person who has toured the entire world, a downright frightening witness to the poverty of this society which compels this 40-year-old to undertake another mammoth tour, to seek refuge in the cage of a national community, and which seems to have given him the ultimate frightful lesson that this world is governed by chicken-run instincts in all its parts. If he should reply to my letter, I shall let you know more about it. What people in Aussig have said about Viktor’s letter, I do not know. Here we recently had eventful days – elections, a new government, and all suchlike – which have kept us somewhat in suspense. Now even that is over, and new concepts supersede the old.

For now, I shall close; I will resume on Friday.


Most cordial greetings and kisses to the two of you
from your
[signed:] Paul

Viktors picture is enclosed.



{4} Dear Lie-Lie, 5

Now I finally have a chance to get to know you! And if for the time being it is just a lovely picture, which merely fulfilled a long-cherished desire of mine, then I am very happy about it. From the picture alone one can see that this woman is no longer the wife of her husband but rather a significant person, both a friend and a spiritual comrade.

Having your dear husband’s portrait makes us very proud. And we are also at the same time impressed by our possession of it. Paul has already written about that. Heinrich’s interesting head emerges from the portrait almost in a lifelike way; Drawings that represent people rarely have such a vivid effect. Viktor Hammer must be a very skilled artist.

-- -- --

While I write, Lisl is sitting next to me, busying herself with needle and scissors, an activity that continuously draws may attention to the child.


Now I greet you and your dear Heinrich
most cordially
[signed:] Anna

© Translation William Drabkin, 2024


Prag, am 27. XI. 1925.


Meine Lieben! 1

Wir haben der l. Lie-Lies Brief 2 u. einen Tag später auch das wundervolle Bild erhalten, das überaus kostbar ist. 3 Vor allem dafür, daß Ihr uns dieses Bild gesandt habt, vielen Dank. Mich bedrückt bei alledem der Gedanke, es könnte Euch hiedurch Kosten erwachsen sein, mit denen Ihr ursprünglich nicht gerechnet habt. Schreibt mir darüber. Uns war daran gelegen, ein Bild des l. Heinrich zu besitzen, das für uns auch dann, wenn es nicht so kunstvoll & nicht künstlerisch so wertvoll gewesen wäre, einen lieben Wert besessen hätte. Nochmals für dieses Bild vielen Dank, das uns große Freude bereitet. —

[?Mit[te]] Montag werde ich mich bemühen, zu erfahren, ob die Werke die in dem Verlag, dessen Namen ich aus einem der letzten Lie Lies mitnehmen kann, bei in den größten Buch- & Musikalienhandlungen aufliegen u. zu welchen Preisen die Bücher hier verkauft werden. {2} Das zu erfahren kann mir nicht schwer fallen, weil ich hier im Buchhandel einen über diese Dinge gut informierten Bekannten habe, der mir behilflich sein wird. Ich hoffe, Euch dann schon Freitag kommender Woche (heute ist Sonntag) 4 über das Ergebnis zu berichten. —

Lie-Lies Bild habe ich vortrefflich gefunden und ich muß sagen – schmeicheleien zu schreiben ist nicht meine Art – daß sich Lie Lie seit den Tagen, in denen ich sie zum letzten Male während des Krieges in Wien gesehen habe, kaum verändert hat. Der äußere Mensch scheint mir unverändert geblieben zu sein. Und von der Zahl der Jahre, die seither ge ver gangen sind, ist nicht zu [?meßen]. Und auch besser als auf dem Bilde von D’Ora erkenne ich auf der während des Sommeraufenthaltes entstandenen Photographie meine Schwester und ich war erstaunt darüber, wie die Jahre, die alle anderen Schwester immerhin etwas verändert haben, an Lie Lie, wie die Bilder zeigen, fast spurlos vorübergegangen zu sein scheinen. Es gibt Menschen, die derlei nicht andres zu erklären versuchen, als durch die Zunahme großer seelischer Kräfte, großer intensiver Arbeit, kurz durch ein Leben, in dem unser die Umstände {3} eine volle Entwicklung der [?Bes[t]ändigkeit] gestatten. —

Nach Erhalt Viktors Bild habe ich ihm geschrieben und ihn aufgefordert, mehr von sich hören zu lassen. Daß er nach Palästina auswandern will, hebräisch schreibt u. scheinbar auch spricht, ist, wenn ich das von einem Menschen erfahre, der die ganze Welt bereist hat, ein geradezu fürchterliches Armutszeugnis – dieser Gesellschaft, die diesen 40jährigen noch [zu] einer Weltenwanderung zwingt, in den Käfig einer nationalen Gemeinschaft Zuflucht zu nehmen, und die ihn [recte ihm] so also die letzten furchtbare Lehre gegeben zu haben, scheint, daß diese Welt in allen ihren Teilen von Hühnerhof-Instinkten beherrscht wird. Sollte er meinen Brief beantworten, so teile ich Euch darüber näheres mit. — Was man in Aussig zu Viktors Schreiben gesagt hat weiß ich nicht. — Wir hatten letzthin hier E e reignisreiche Tage, Wahlen, eine neue Regierung, u. dgl. alles Angelegenheiten, die uns etwas in Spannung hielten. Nun ist auch das vorbei und neue Begriffe verdrängen die alten.

Für heute will ich schließen und Freitag fortsetzen.


Herzlichste Grüße & Küsse Euch beiden
Von Eurem
[signed:] Paul

Viktors Bild liegt bei.



{4} Liebe Lie-Lie! 5

Nun sollte ich endlich Gelegenheit haben Dich kennen zu lernen! Und wenn es vorerst auch nur ein liebes Bild war, das mir einen lange gehegten Wunsch erfüllte, so freute ich mich darüber sehr. Aus dem Bilde allein schon erkennt man, dass diese Frau nichtme[h]r die Frau ihres Mannes, ist sondern einem bedeutenden Menschen zugleich Freund und geistiger Kamerad ist.

Der Besitz eines Bildes Deines l. Heinrich macht uns sehr stolz. Wenn wir nur durch diesen Besitz nicht zugleich auch bedruckt würden! Doch darüber schrieb schon Paul; – Heinrichs interessanter Kopf tritt fast plastisch aus dem Bild hervor – Radierungen, die Personen darstellen, sind selten von solcher lebendiger Wirkung. Viktor Hammer muß ein großer Könner sein.

-- -- --

Während ich schreibe, sitzt Lisl neben mir und hantiert mit Nadel und Schere, eine Arbeit, die meine Aufmerksamkeit fortwährend auf das Kind lenkt.


Nun grüße ich Dich und den lieben Heinrich
recht herzlich
[signed:] Anna

© Transcription William Drabkin, 2024


Prague, November 27, 1925


My dear ones, 1

We received Lie-Lie’s letter 2 and, a day later, the wonderful portrait, too, which is utterly precious. 3 Many thanks, above all for sending us this picture. I am stricken most of all by the thought that you have as a result been burdened with costs with which you hadn’t initially reckoned. Write to me about this. We were keen to have a picture of dear Heinrich which, even if it were not so artistic and so a valuable from an artistic point of view, would have been of value for us. Once again many thanks for the picture, which has given us great joy.

[?In the course of] Monday I shall make an effort to discover whether the writings issued by the publishing house whose name I can retrieve from one of Lie-Lie’s recent letters are available at in the largest bookshops and music shops, and for how much they are being sold here. {2} It should not be difficult to learn this, as I have a friend here in the book trade who is well informed about these things, and who will help me. I hope to be able to report to you the result as early as Friday of the coming week (today is Sunday). 4

I found Lie-Lie's picture excellent; and I must say – it is not my style to write flattering words – that Lie-Lie has hardly changed since the last time I saw her in Vienna during the War. The exterior person seems to me to have remained unchanged. And the number of years that have since passed cannot be measured. And I recognize my sister better on the photograph taken during the summer vacation than on the photograph from d’Ora; and I was astonished about how the years, which have nonetheless changed the appearance of all my other sisters, seem to have passed by without leaving a trace on Lie-Lie, as the photographs show. There are people who attempt to explain such things as the result of nothing other than the growth of spiritual powers and great intensive work, in short, the result of a life in which our the conditions permit {3} a complete deployment of [?steadfast application].

After I received Viktor’s picture, I wrote to him and requested that he say more about himself. That he wants to emigrate to Palestine and writes in (and apparently speaks) Hebrew is something which, coming from a person who has toured the entire world, a downright frightening witness to the poverty of this society which compels this 40-year-old to undertake another mammoth tour, to seek refuge in the cage of a national community, and which seems to have given him the ultimate frightful lesson that this world is governed by chicken-run instincts in all its parts. If he should reply to my letter, I shall let you know more about it. What people in Aussig have said about Viktor’s letter, I do not know. Here we recently had eventful days – elections, a new government, and all suchlike – which have kept us somewhat in suspense. Now even that is over, and new concepts supersede the old.

For now, I shall close; I will resume on Friday.


Most cordial greetings and kisses to the two of you
from your
[signed:] Paul

Viktors picture is enclosed.



{4} Dear Lie-Lie, 5

Now I finally have a chance to get to know you! And if for the time being it is just a lovely picture, which merely fulfilled a long-cherished desire of mine, then I am very happy about it. From the picture alone one can see that this woman is no longer the wife of her husband but rather a significant person, both a friend and a spiritual comrade.

Having your dear husband’s portrait makes us very proud. And we are also at the same time impressed by our possession of it. Paul has already written about that. Heinrich’s interesting head emerges from the portrait almost in a lifelike way; Drawings that represent people rarely have such a vivid effect. Viktor Hammer must be a very skilled artist.

-- -- --

While I write, Lisl is sitting next to me, busying herself with needle and scissors, an activity that continuously draws may attention to the child.


Now I greet you and your dear Heinrich
most cordially
[signed:] Anna

© Translation William Drabkin, 2024

Footnotes

1 Receipt of at least the first of these two letters is recorded in Schenker’s diary for December 2, 1925: “Von Paul (Br.): Victors Bild! Lie-Liechen stellt die verblüffende Wandlung ins Amerikanische fest” (“From Paul (letter): Viktor's picture! Lie-Liechen notices the surprising transformation into the American”).

2 Schenker’s diary for November 23 records the sending of a letter to Paul, but without describing its content.

3 From the expression of thanks that Paul Schiff is uttering, and Anna asserts later, the picture in question was Viktor Hammer’s mezzotint portrait of Heinrich Schenker, completed in early October 1925.

4 November 27, 1925, the date given at the beginning of this letter, fell on a Friday, not a Sunday.

5 This undated letter, which follows on from Paul’s, is presumed to have been written and sent on the same day; it was common for Anna to add a few lines to Paul’s letters, and vice versa

Commentary

Format
4p letter, holograph (Paul) salutation, message, valediction, and signature; holograph (Anna) salutation, message, valediction, and signature; photograph enclosed
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1934-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
License
Attempts to identify the heirs of Paul and Anna Schiff have proved unsuccessful. This document is deemed to be in the public domain. Any claim to intellectual right on this document should be addressed to Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk.
Rights Holder
Heirs of Paul and Anna Schiff, deemed to be in the public domain

Digital version created: 2025-02-10
Last updated: 2010-03-11