Liebster Herr Doktor! 1

Furchtbar unangenehm ist es mir, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich bis heute von Professor Violin 2 keine Zeile, keine Nachricht habe, und dass dieser Brief seines Inhalts wegen einer Klage gleichen wird, wie ich gegen einen Menschen erhebe, den ich zum grossenm Danke verpflichtet sbind.

Angesichts der Anforderungen, die ich selbst mir gestellt habe, mit allen Kräften in diesem Jahre so weit als möglich zu kommen – muss ich Ihnen mein Leid klagen und Ihnen begreiflich machen, wie wenig das Säumen und Zögern von der andern Seite her mich zu einer freudigen Arbeit aufmuntern kam.

Meine Veranlagung, Feuer und Flamme für etwas zu sein, kennen Sie und ich selbst habe Mühe und Geduld diesen Sommer aufgebracht, diese meine Eigenschaft nicht auf Ihrer Plötzlichkeit beruhen zu lassen, sondern sie mir als eine die Tätigkeit befruchtende konstante Begleiterin meiner Gedanken zu erringen. {2} Ich hoffe dies wird Früchte tragen!

Ich habe plötzlich meine Umgebung mit andern Augen gesehen und gefühlt, dass mein Weg in eine Welt führt, die der jetzigen nicht sonderlich gleicht! Eine gewisse „Ernstwille“ 3 ist über mi ch r dahin geflogen und hat mich bestimmt, mein Denken und Schauen noch mehr zu vertiefen. Grade jetzt brauchte ich Sie, Liebsten, Sie, der es so meisterlich versteht[,] in des andern Inneres zu dringen – mit Ihrer Liebe zur Sache – mit Ihrem alles durchdringenden Verstehen!! Ihre Tätigkeit auf klavieristischen Gebiete würde fruchtbringend für mich sein, ich weiss sehr wohl, dass ich aller Kultur bar bin auf diesem Gebiete.

Professor Violin hat gewiss Vorzüge – ich habe ihm manches zu danken (abgesehen von dem Konzerte 4 ) aber doch in seinem Gehaben, in seiner Methode ist so viel Müdes, nur Ermüdendes – es wäre dieses Jahr, wie die andern vergebens!!

Die Äusserung, dass Profess. V. unerwartet viel Schüler bekommen habe, gibt mir den Mut, Sie nochmals inniger denn je, und eine wunderbares Zusammenarbeiten im Auge zu bitten, falls es irgendwie möglich wäre {3} mich doch auch im Klavierspiel als Schüler zu nehmen. Ich glaube beruhigt[,] Ihnen versprechen zu dürfen, dass Sie auch hier so manche Freude empfinden könnten.

Sie müssen es doch auch verstehen, liebster, dass ich mich nach dem Quell all Ihrer Wahrheiten sehne, geben Sie selbst mir doch den Mut, ein schönes Ziel vor Augen zu haben!

Verzeihen Sie die Offenheit, nennen Sie mich nicht undankbar!

Mit meiner unaussprechlichen Liebe zu Ihnen, mit meiner Verehrung für Ihr Wesen, mit meiner Ehrfurcht vor Ihrem System und [?Wissen] beweise ich das Gegenteil!


Ganz der Ihre!
[signed:] Hans .

Sonntag 56. Oktober 1912 5 Uhr nachmittgs

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2007



Dearest Dr. [Schenker], 1

It is dreadfully unpleasant for me to have to tell you that up to today I have received no word, no news, from Professor Violin, 2 and that this letter will in essence be something of a complaint leveled against a person to whom I owe a huge debt of gratitude.

Faced with the demands that I have made on myself to summon all my energies to advance as much as possible this year, I must pour out my troubles to you in order to make you aware how little joy the delay and procrastination from the other party have instilled into my work.

You know my disposition to bring fire and enthusiasm to a thing. I have instilled patience into myself this summer and taken pains not to allow this characteristic of mine to rely on your instant response, but to harness it as a constant companion to my thoughts that enriches all that I do. {2} I hope this will bear fruit!

I have suddenly come to see my environs through different eyes, and have felt that my path is leading me into a world that is not particularly like my present one! A certain "desire to take things more seriously" 3 has swept over me, and has made me resolve to deepen my thinking and outlook still further. It is at precisely this moment that I needed you, my dearest [Dr. Schenker], you who understand so consummately how to penetrate into the inner world of another person ‒ with your passion for the cause ‒ with your all-piercing capacity to understand! Your activity in the pianistic domain would be fruitful for me; I know full well that I am devoid of all culture in that domain.

Professor Violin certainly has merits ‒ I have a great deal to thank him for (quite apart from the concert 4 ), but in his conduct, in his methods, there is so much that is languid, wearisome: this year would be, like the others, all in vain!!

The remark that Professor Violin has acquired an unexpectedly large number of pupils gives me the courage to ask you still more fervently than ever before to consider a wonderful conjunction of studies and if at all possible {3} to take me as a pupil also in piano. I confidently believe I could promise you that you would get a good deal of pleasure from it, too.

You must please understand, dearest [Dr. Schenker], that I long for the fount of all your truths; so give me, I beg, the courage to envision a wonderful purpose!

Forgive me my candor; don’t think me ungrateful!

With my inexpressable love for you, with my veneration for what you stand for, with my profound respect for your system and [?knowledge], I prove the contrary!


Entirely yours!
[signed:] Hans

Sunday October 56, 1912 5 p. m.

© Translation Ian Bent, 2007



Liebster Herr Doktor! 1

Furchtbar unangenehm ist es mir, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich bis heute von Professor Violin 2 keine Zeile, keine Nachricht habe, und dass dieser Brief seines Inhalts wegen einer Klage gleichen wird, wie ich gegen einen Menschen erhebe, den ich zum grossenm Danke verpflichtet sbind.

Angesichts der Anforderungen, die ich selbst mir gestellt habe, mit allen Kräften in diesem Jahre so weit als möglich zu kommen – muss ich Ihnen mein Leid klagen und Ihnen begreiflich machen, wie wenig das Säumen und Zögern von der andern Seite her mich zu einer freudigen Arbeit aufmuntern kam.

Meine Veranlagung, Feuer und Flamme für etwas zu sein, kennen Sie und ich selbst habe Mühe und Geduld diesen Sommer aufgebracht, diese meine Eigenschaft nicht auf Ihrer Plötzlichkeit beruhen zu lassen, sondern sie mir als eine die Tätigkeit befruchtende konstante Begleiterin meiner Gedanken zu erringen. {2} Ich hoffe dies wird Früchte tragen!

Ich habe plötzlich meine Umgebung mit andern Augen gesehen und gefühlt, dass mein Weg in eine Welt führt, die der jetzigen nicht sonderlich gleicht! Eine gewisse „Ernstwille“ 3 ist über mi ch r dahin geflogen und hat mich bestimmt, mein Denken und Schauen noch mehr zu vertiefen. Grade jetzt brauchte ich Sie, Liebsten, Sie, der es so meisterlich versteht[,] in des andern Inneres zu dringen – mit Ihrer Liebe zur Sache – mit Ihrem alles durchdringenden Verstehen!! Ihre Tätigkeit auf klavieristischen Gebiete würde fruchtbringend für mich sein, ich weiss sehr wohl, dass ich aller Kultur bar bin auf diesem Gebiete.

Professor Violin hat gewiss Vorzüge – ich habe ihm manches zu danken (abgesehen von dem Konzerte 4 ) aber doch in seinem Gehaben, in seiner Methode ist so viel Müdes, nur Ermüdendes – es wäre dieses Jahr, wie die andern vergebens!!

Die Äusserung, dass Profess. V. unerwartet viel Schüler bekommen habe, gibt mir den Mut, Sie nochmals inniger denn je, und eine wunderbares Zusammenarbeiten im Auge zu bitten, falls es irgendwie möglich wäre {3} mich doch auch im Klavierspiel als Schüler zu nehmen. Ich glaube beruhigt[,] Ihnen versprechen zu dürfen, dass Sie auch hier so manche Freude empfinden könnten.

Sie müssen es doch auch verstehen, liebster, dass ich mich nach dem Quell all Ihrer Wahrheiten sehne, geben Sie selbst mir doch den Mut, ein schönes Ziel vor Augen zu haben!

Verzeihen Sie die Offenheit, nennen Sie mich nicht undankbar!

Mit meiner unaussprechlichen Liebe zu Ihnen, mit meiner Verehrung für Ihr Wesen, mit meiner Ehrfurcht vor Ihrem System und [?Wissen] beweise ich das Gegenteil!


Ganz der Ihre!
[signed:] Hans .

Sonntag 56. Oktober 1912 5 Uhr nachmittgs

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2007



Dearest Dr. [Schenker], 1

It is dreadfully unpleasant for me to have to tell you that up to today I have received no word, no news, from Professor Violin, 2 and that this letter will in essence be something of a complaint leveled against a person to whom I owe a huge debt of gratitude.

Faced with the demands that I have made on myself to summon all my energies to advance as much as possible this year, I must pour out my troubles to you in order to make you aware how little joy the delay and procrastination from the other party have instilled into my work.

You know my disposition to bring fire and enthusiasm to a thing. I have instilled patience into myself this summer and taken pains not to allow this characteristic of mine to rely on your instant response, but to harness it as a constant companion to my thoughts that enriches all that I do. {2} I hope this will bear fruit!

I have suddenly come to see my environs through different eyes, and have felt that my path is leading me into a world that is not particularly like my present one! A certain "desire to take things more seriously" 3 has swept over me, and has made me resolve to deepen my thinking and outlook still further. It is at precisely this moment that I needed you, my dearest [Dr. Schenker], you who understand so consummately how to penetrate into the inner world of another person ‒ with your passion for the cause ‒ with your all-piercing capacity to understand! Your activity in the pianistic domain would be fruitful for me; I know full well that I am devoid of all culture in that domain.

Professor Violin certainly has merits ‒ I have a great deal to thank him for (quite apart from the concert 4 ), but in his conduct, in his methods, there is so much that is languid, wearisome: this year would be, like the others, all in vain!!

The remark that Professor Violin has acquired an unexpectedly large number of pupils gives me the courage to ask you still more fervently than ever before to consider a wonderful conjunction of studies and if at all possible {3} to take me as a pupil also in piano. I confidently believe I could promise you that you would get a good deal of pleasure from it, too.

You must please understand, dearest [Dr. Schenker], that I long for the fount of all your truths; so give me, I beg, the courage to envision a wonderful purpose!

Forgive me my candor; don’t think me ungrateful!

With my inexpressable love for you, with my veneration for what you stand for, with my profound respect for your system and [?knowledge], I prove the contrary!


Entirely yours!
[signed:] Hans

Sunday October 56, 1912 5 p. m.

© Translation Ian Bent, 2007

Footnotes

1 Receipt of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 Violin was at this time Weisse's piano teacher. With some awkwardness, Weisse was eventually transferred from Violin to Schenker for piano instruction on June 3, 1913.

3 Ernstwille: a made-up word, literally "will to seriousness."

4 i.e. the concert on February 22, 1912 given by Violin, in which piano pieces and songs by Weisse were performed, recorded in Schenker's lesson notes (Lessonbook 1912/13, p. 32) and in his diary (OJ 1/11, p. 200).

Commentary

Format
3p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2019-10-10
Last updated: 2010-06-25