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OJ 5/38, [71a] - Handwritten letter from Heinrich to Wilhelm Schenker, undated, written January 15, 1931
Postwendend schreibe ich, denn möglicherweise kannst du Mozio noch ein dringendes Briefchen schreiben, ehe es zu spät ist. Vor mehr als einem Monat habe ich den ersten Schritt zum Anwalt gemacht. 2 Auf den Brief des Anwaltes hat Mozio zuerst gar nicht geantwortet, bis ich ihm schrieb, daß er doch zu antworten habe. Endlich schrieb er den Antwortbrief auch an den Anwalt mit den üblichen Phrasen: „er wird … , bis …“ Wir haben eine weitere Fristerstreckung gewährt bis 14. 1., Mozio ließ wieder {2} nichts von sich hören. Da wußte auch der Anwalt nichts Besseres zu raten, als die Forderung einzuklagen. Gestern habe ich die Vollmacht unterschrieben! 3 Der Anwalt hatte die Feinheit, sich selbst zu bedauern, mich zu bedauern, „leider“ sagte er wiederholt, aber es ist nichts Anderes zu machen, fügte er hinzu. Ermahne doch Mozio, daß er doch in diesem Augenblick keine Dummheiten macht! Je näher der Termin herangerückt ist, an dem er die 50.000 S. von der CreditAnstalt empfangen sollte – Die Postsparkasse hat den Weg bereits freigegeben –, an dem er also an mich die 13.000 S. abführen sollte, zog er sich plötzlich von uns {3} zurück. Er kam nicht mehr herauf, trank keine Jause mehr bei uns, besuchte mich nicht am Krankenbett, erkündigte sich überhaupt nicht weiter. Er hat sich geschämt, uns vor die Augen zu treten, da er bei sich beschloß, nicht zu zahlen. Sicher war es nicht anders. (Es warten noch viele andere Gläubiger (außer mir) auf die 60.000 S!) Er hat sich – krankhafter oder schurkischer Weise – den Ausgang anders vorgestellt. Er sagte uns einmal im Ton eines Menschen, der jederzeit uns mit Geld zu helfen bereit ist: „ich habe ja immer bei mir ein paar hundert Schilling, du kannst immer 50 Sch, 100, 200 S. haben, wenn du mir schreibst.“ Auch das {4} hat sich übrigens als unwahr erwiesen. Denke dir aber, er [?dachte], wenn ich mir im Jahr 2, 3 Mal zu 200, 300 Sch. nehme, so brauchte ich 10.000 Jahre, bis ich mein Geld auf diese Weise heimkriege, inzwischen liegt es bei ihm „sicher“, bezw. bei seinen Urenkeln, vorausgesetzt daß ihr Vermögen nicht schon längst gepfändet wäre. Ich bin doch sein Bruder, also ist mein Geld, wie er es brüderlich empfindet, auch sein Geld u. bei ihm für alle Zeiten so gut aufgehoben wie das eigene, nur darf ich nicht so brüderlich sein, von ihm sein Geld zu verlangen. Niemals habe ich das getan, u. auch jetzt verlange ich mein Geld, das ich äußerst dringend † bringe. brauche! Die Sorgen lassen mich nicht schlafen, lähmen mir die Füße, die Augen, [upper margin upside down:] ich kö muß mein Leben retten vor dem Lausbuben u. auch mein theures LieLiechen! [in right margin, sideways:] Ein anderes Mal von lustigeren Dingen. © Transcription William Drabkin, 2024 |
I am writing you immediately because you could yet conceivably write Mozio a short, urgent short letter before it’s too late. I took the first step toward an attorney more than a month ago. 2 Mozio at first didn’t even answer the attorney’s letter until I wrote him [to say] that he must answer. He finally wrote a reply also to the attorney with the usual phrases: “he will…, by …” We granted a further extension of the deadline to January 14. Mozio again {2} was silent. The attorney then had nothing better to advise than a demand to sue for the money. I signed the authorization yesterday! 3 The attorney had the subtlety to regret commiserating with me. “Unfortunately” he said repeatedly, but there is nothing else to do, he added. Exhort Mozio that at that moment he not do anything stupid! The closer the date creeps up on which he should receive the 50,000 shillings from the Credit Institution – the Postal Savings Bank has already cleared the way – thus [the date] on which he is supposed to redirect to me, he suddenly pulled {3} back from us. He no longer came by, no longer had a drink at our place, didn’t visit me when I was sick in bed, no longer inquired at all. He was ashamed to show himself because in his mind he had resolved not to pay. Surely it wasn’t otherwise. (Many other believers (besides me) are waiting on the 60,000 shillings!) Pathologically or roguishly, he imagined the outcome differently. He once said to us in the tone of a person always prepared to help us out with money: “I always carry with me a few hundred shillings. You can always have 50 shillings, 100, 200 shillings if you write to me.” That too, {4} by the way, proved to be untrue. But suppose he [?thought] that if I were to take two, three times in a year 200, 300 shillings, I would need 10,000 years until I get all of my money back that way. In the meantime, the money is “secure” with him, that is, with his great grandchildren, provided that their assets have not long since been impounded. I am his brother after all, so my money, as he in brotherly fashion perceives it, is also his money, and is as well stored away for all time as is his own money, only I may not be so brotherly to demand his money from him. I have never done that, and now, too, I am demanding my money, which I need extremely urgently † ! The worries prevent me from sleeping, paralyze my feet, my eyes [upper margin upside down:] I could must save my life from that scoundrel, and also my precious LieLiechen! [in right margin, sideways:] More amusing things another time. © Translation Lee Rothfarb, 2024 |
Postwendend schreibe ich, denn möglicherweise kannst du Mozio noch ein dringendes Briefchen schreiben, ehe es zu spät ist. Vor mehr als einem Monat habe ich den ersten Schritt zum Anwalt gemacht. 2 Auf den Brief des Anwaltes hat Mozio zuerst gar nicht geantwortet, bis ich ihm schrieb, daß er doch zu antworten habe. Endlich schrieb er den Antwortbrief auch an den Anwalt mit den üblichen Phrasen: „er wird … , bis …“ Wir haben eine weitere Fristerstreckung gewährt bis 14. 1., Mozio ließ wieder {2} nichts von sich hören. Da wußte auch der Anwalt nichts Besseres zu raten, als die Forderung einzuklagen. Gestern habe ich die Vollmacht unterschrieben! 3 Der Anwalt hatte die Feinheit, sich selbst zu bedauern, mich zu bedauern, „leider“ sagte er wiederholt, aber es ist nichts Anderes zu machen, fügte er hinzu. Ermahne doch Mozio, daß er doch in diesem Augenblick keine Dummheiten macht! Je näher der Termin herangerückt ist, an dem er die 50.000 S. von der CreditAnstalt empfangen sollte – Die Postsparkasse hat den Weg bereits freigegeben –, an dem er also an mich die 13.000 S. abführen sollte, zog er sich plötzlich von uns {3} zurück. Er kam nicht mehr herauf, trank keine Jause mehr bei uns, besuchte mich nicht am Krankenbett, erkündigte sich überhaupt nicht weiter. Er hat sich geschämt, uns vor die Augen zu treten, da er bei sich beschloß, nicht zu zahlen. Sicher war es nicht anders. (Es warten noch viele andere Gläubiger (außer mir) auf die 60.000 S!) Er hat sich – krankhafter oder schurkischer Weise – den Ausgang anders vorgestellt. Er sagte uns einmal im Ton eines Menschen, der jederzeit uns mit Geld zu helfen bereit ist: „ich habe ja immer bei mir ein paar hundert Schilling, du kannst immer 50 Sch, 100, 200 S. haben, wenn du mir schreibst.“ Auch das {4} hat sich übrigens als unwahr erwiesen. Denke dir aber, er [?dachte], wenn ich mir im Jahr 2, 3 Mal zu 200, 300 Sch. nehme, so brauchte ich 10.000 Jahre, bis ich mein Geld auf diese Weise heimkriege, inzwischen liegt es bei ihm „sicher“, bezw. bei seinen Urenkeln, vorausgesetzt daß ihr Vermögen nicht schon längst gepfändet wäre. Ich bin doch sein Bruder, also ist mein Geld, wie er es brüderlich empfindet, auch sein Geld u. bei ihm für alle Zeiten so gut aufgehoben wie das eigene, nur darf ich nicht so brüderlich sein, von ihm sein Geld zu verlangen. Niemals habe ich das getan, u. auch jetzt verlange ich mein Geld, das ich äußerst dringend † bringe. brauche! Die Sorgen lassen mich nicht schlafen, lähmen mir die Füße, die Augen, [upper margin upside down:] ich kö muß mein Leben retten vor dem Lausbuben u. auch mein theures LieLiechen! [in right margin, sideways:] Ein anderes Mal von lustigeren Dingen. © Transcription William Drabkin, 2024 |
I am writing you immediately because you could yet conceivably write Mozio a short, urgent short letter before it’s too late. I took the first step toward an attorney more than a month ago. 2 Mozio at first didn’t even answer the attorney’s letter until I wrote him [to say] that he must answer. He finally wrote a reply also to the attorney with the usual phrases: “he will…, by …” We granted a further extension of the deadline to January 14. Mozio again {2} was silent. The attorney then had nothing better to advise than a demand to sue for the money. I signed the authorization yesterday! 3 The attorney had the subtlety to regret commiserating with me. “Unfortunately” he said repeatedly, but there is nothing else to do, he added. Exhort Mozio that at that moment he not do anything stupid! The closer the date creeps up on which he should receive the 50,000 shillings from the Credit Institution – the Postal Savings Bank has already cleared the way – thus [the date] on which he is supposed to redirect to me, he suddenly pulled {3} back from us. He no longer came by, no longer had a drink at our place, didn’t visit me when I was sick in bed, no longer inquired at all. He was ashamed to show himself because in his mind he had resolved not to pay. Surely it wasn’t otherwise. (Many other believers (besides me) are waiting on the 60,000 shillings!) Pathologically or roguishly, he imagined the outcome differently. He once said to us in the tone of a person always prepared to help us out with money: “I always carry with me a few hundred shillings. You can always have 50 shillings, 100, 200 shillings if you write to me.” That too, {4} by the way, proved to be untrue. But suppose he [?thought] that if I were to take two, three times in a year 200, 300 shillings, I would need 10,000 years until I get all of my money back that way. In the meantime, the money is “secure” with him, that is, with his great grandchildren, provided that their assets have not long since been impounded. I am his brother after all, so my money, as he in brotherly fashion perceives it, is also his money, and is as well stored away for all time as is his own money, only I may not be so brotherly to demand his money from him. I have never done that, and now, too, I am demanding my money, which I need extremely urgently † ! The worries prevent me from sleeping, paralyze my feet, my eyes [upper margin upside down:] I could must save my life from that scoundrel, and also my precious LieLiechen! [in right margin, sideways:] More amusing things another time. © Translation Lee Rothfarb, 2024 |
Footnotes1 Schenker’s diary entry for January 15, 1931 records both the receipt of a letter from Wilhelm and the writing of a letter to Wilhelm, the summaries of which correspond to the contents of this undated letter: “Von Wilhelm (Br.): empfiehlt zu klagen. — An Wilhelm (Br.): habe die Vollmacht schon gegeben; bitte ihn, noch einmal bei Mozio zu urgiren” (“From Wilhelm (letter): he recommends legal action. — To Wilhelm (letter): I have already assigned [my attorney] the power of attorney; I ask him to appeal once more to Mozio”). 2 In December 1930, Heinrich’s attorney had set a deadline of January 13, 1931 for complete repayment. On January 14, Moriz Schenker having not complied with that deadline, Heinrich gave power of attorney, i.e. instructed Dr. Lanzer to proceed with the case. 3 Schenker‘s diary for January 14, 1931 records: “Um 3h bei Lanzer: gebe ihm Vollmacht!” (“At 3 o’clock, with Lanzer: I give him the power of attorney!”). |
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Format† Double underlined |
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Commentary
Digital version created: 2024-10-11 |