{65}
29. VII. ⇧ Vergeblicher Postweg. — Suche das Conservatorium – die Gegend, in der sich das alte weiträumige Gebäude findet, ist nichts weniger als vornehm. Es ist ½1h u. ich rechne nicht damit, im Hause noch Jemand anzutreffen, trete aber doch ein u. übergebe dem Portier meine Karte. Ein Herr empfängt mich, der Professor einer Klavierklasse, leider können wir uns nicht verständigen. Doch da erscheint – wie mysteriös – wieder wie schon so oft ein rettender Engel in Gestalt einer blauäugigen blonden Deutschen, einer Schülerin dieses Herrn. Die Dame, die ihre vergessenen Noten holt!, macht geschickt u. höchst interessirt den Dolmetsch. Der Professor faßt die Angelegenheit so zusammen: Er will den Direktor u. „die Herren“ (die übrigen Lehrer?) verständigen u. mich dann telephonisch in die Huerfanos bitten, wo das Haus der Bellas Artas sich befindet. 1 Die Dame macht sich erbötig, wieder Dolmetsch-Dienste zu leisten. Sie heißt Herzog, ist eine {66} Gymnastik, Schülerin eines Schülers von Dalcroze. Sie führt mich in ihrem schönen neuen Wagen bis zur Post, auch der Professor fährt ein Stück mit. Und so werde ich, wenn auch spät, alles das erreicht haben, was ich mir vorgenommen, u. was hier für mich überhaupt zu erreichen möglich gewesen. Der Bruder, kleiner Mann im großen Chile, spielt gar keine Rolle dabei. — Bei der Cathedral kommt ein etwa 10cm langer grauer Heuschreck, wie ich noch keinen gesehen, durch die Menschenmenge angeflogen u. läßt sich mitten auf dem Geleise nieder – armer Verirrter! — Nach Tisch, ich hatte mich gerade ausgekleidet, klopft der Diener, ich schlüpfe in einen Schlafrock. Herr Doerler bringt mir die gewünschte Adresse, er geht gleich wieder. Ich kann nun den Brief an Herrn Kögel schreiben, ihn um Angabe eines Hotels in Valparaiso ersuchen. Trage den Brief zur Post u. komme beim Markenschalter wieder mit einem Deutschen ins Gespräch, der mich frage, wie es nun wirklich in Deutschland u. um Hitler stehe! Welche Sensation! Ein Deutscher, der nicht blind das glaubt, was Zeitungen für die Auslanddeutschen zusammenschmieren. Er findet Hitlers Vorgehen gegen die Juden schändlich. „Ich kenne hier einen jüdischen Arzt, der in Hamburg 15 Jahre Krankenkasse-Arzt gewesen, an der Front gekämpft hat u. fristlos entlassen worden ist“ – der Mann war empört – wie schade, daß es nicht mehr solche Menschen gibt, in Deutschland allerdings dürften sie den Mund nicht öffnen! {67} Ich antworte vorsichtig – ich bin allein, eine alte hilflose Frau, was könnte ich ausrichten?!? — Trete bei Carlos Friedemann ein, um einen der beiden Prospekte wieder zu erbitten. Der Bruder der Frau sitzt beim Klavier, ein beneidenswert guter Blattspieler – sehr unfreundlich oder ungezogen. Der Gatte erscheint auch, kann kein Wort Deutsch! — Als ich vor Tisch mein Zimmer betrat, fand ich ein Päckchen vor, mit einem rosafarbenen Bändchen gebunden – wenn es in meinem Zimmer liegt, muß ich annehmen, daß es für mich abgegeben worden sei. Ich reiße es auf u. finde zwei kleine Kartons, öffne einen, er enthält scheußliche Ohrgehänge, die Karte, die dabei liegt Spanisch – ich trage diese Spanische Angelegenheit rasch aus meinem Zimmer u. ärgere mich einen Augenblick lang über die Dummheit der Zarayra, die mich unschuldig hat schuldig werden lassen. — © Transcription William Drabkin, 2024 |
{65}
July 29 ⇧ Trip to the post office, in vain. — I look for the Conservatory: the neighborhood in which I find this old, spacious building is anything but genteel. It is 12:30 and I am not counting on finding someone still there; yet I enter and give the doorman my calling card. A gentleman receives me, the professor of a piano class; unfortunately we cannot understand one another. And yet there appears – how mysterious! – as so often a rescuing angel, in the shape of a blue-eyed, blond German, a female pupil of this gentleman. The lady, who is collecting music that she had left behind(!), makes a skillful and most enthusiastic interpreter. The professor sums up the matter in this way: He will inform the director and “the gentlemen” (the other teachers?) and then invite me by telephone call to Huérfanos, where the Casa de las Bellas Artas is located. 1 The lady again offers to act as interpreter. Her name is Herzog, she is a {66} gymnast, a pupil of one of Dalcroze’s pupils. She takes me in her nice new car as far as the address; the professor joins us for part of the way. And so, even if belately, I have achieved everything that I intended and what was at all possible for me to achieve. My brother, a small man in big Chile, played no part in it whatsoever. — Near the Cathedral, a gray grasshopper, about 10 centimeters long and of the sort I have never seen before, has flown through the crowd of people and settles down on the train track: poor fellow who has lost his way! — After lunch, after I had just undressed, the servant knocks; I slip into a dressing gown. Mr. Doerler brings me the address I wished; he leaves immediately. I can now write the letter to Mr. Kögel to ask him for information on a hotel in Valparaiso. I take the letter to the post office and again get into conversation with a German at the stamp counter; he asks me how things really are in Germany, and with Hitler! What a sensation: a German who does not blindly believe what the newspapers cobble together for the German émigrés! He thinks that Hitler’s actions against the Jews are despicable. “I know a Jewish doctor here, who was a health-insurance doctor in Hamburg for fifteen years, served on the front, and was dismissed summarily.” The man was incensed: what a shame that there aren’t more such people; in Germany at any rate, they are not allowed to open their mouth! {67} I reply cautiously: I am on my own, an old helpless woman, what could I do?!? — I enter Carlos Friedemann’s shop to ask for one of the prospectuses to be given back. His wife’s brother is sitting at the piano, an enviably good sight-reader – very unfriendly, or unmannerly. Her husband also appears, doesn’t understand a word of German. — When I entered my room before lunch, I found a little package, bound with a pink ribbon – if it is in my room I must assume that it was left there for me. I tear it open and find two small boxes; I open one, which contains two hideous earrings. The card with it is in Spanish: I quickly remove this Spanish business from my room; and for a moment I get cross about the stupidity of Zarayra, who will innocently think that I am responsible. — © Translation William Drabkin, 2024 |
{65}
29. VII. ⇧ Vergeblicher Postweg. — Suche das Conservatorium – die Gegend, in der sich das alte weiträumige Gebäude findet, ist nichts weniger als vornehm. Es ist ½1h u. ich rechne nicht damit, im Hause noch Jemand anzutreffen, trete aber doch ein u. übergebe dem Portier meine Karte. Ein Herr empfängt mich, der Professor einer Klavierklasse, leider können wir uns nicht verständigen. Doch da erscheint – wie mysteriös – wieder wie schon so oft ein rettender Engel in Gestalt einer blauäugigen blonden Deutschen, einer Schülerin dieses Herrn. Die Dame, die ihre vergessenen Noten holt!, macht geschickt u. höchst interessirt den Dolmetsch. Der Professor faßt die Angelegenheit so zusammen: Er will den Direktor u. „die Herren“ (die übrigen Lehrer?) verständigen u. mich dann telephonisch in die Huerfanos bitten, wo das Haus der Bellas Artas sich befindet. 1 Die Dame macht sich erbötig, wieder Dolmetsch-Dienste zu leisten. Sie heißt Herzog, ist eine {66} Gymnastik, Schülerin eines Schülers von Dalcroze. Sie führt mich in ihrem schönen neuen Wagen bis zur Post, auch der Professor fährt ein Stück mit. Und so werde ich, wenn auch spät, alles das erreicht haben, was ich mir vorgenommen, u. was hier für mich überhaupt zu erreichen möglich gewesen. Der Bruder, kleiner Mann im großen Chile, spielt gar keine Rolle dabei. — Bei der Cathedral kommt ein etwa 10cm langer grauer Heuschreck, wie ich noch keinen gesehen, durch die Menschenmenge angeflogen u. läßt sich mitten auf dem Geleise nieder – armer Verirrter! — Nach Tisch, ich hatte mich gerade ausgekleidet, klopft der Diener, ich schlüpfe in einen Schlafrock. Herr Doerler bringt mir die gewünschte Adresse, er geht gleich wieder. Ich kann nun den Brief an Herrn Kögel schreiben, ihn um Angabe eines Hotels in Valparaiso ersuchen. Trage den Brief zur Post u. komme beim Markenschalter wieder mit einem Deutschen ins Gespräch, der mich frage, wie es nun wirklich in Deutschland u. um Hitler stehe! Welche Sensation! Ein Deutscher, der nicht blind das glaubt, was Zeitungen für die Auslanddeutschen zusammenschmieren. Er findet Hitlers Vorgehen gegen die Juden schändlich. „Ich kenne hier einen jüdischen Arzt, der in Hamburg 15 Jahre Krankenkasse-Arzt gewesen, an der Front gekämpft hat u. fristlos entlassen worden ist“ – der Mann war empört – wie schade, daß es nicht mehr solche Menschen gibt, in Deutschland allerdings dürften sie den Mund nicht öffnen! {67} Ich antworte vorsichtig – ich bin allein, eine alte hilflose Frau, was könnte ich ausrichten?!? — Trete bei Carlos Friedemann ein, um einen der beiden Prospekte wieder zu erbitten. Der Bruder der Frau sitzt beim Klavier, ein beneidenswert guter Blattspieler – sehr unfreundlich oder ungezogen. Der Gatte erscheint auch, kann kein Wort Deutsch! — Als ich vor Tisch mein Zimmer betrat, fand ich ein Päckchen vor, mit einem rosafarbenen Bändchen gebunden – wenn es in meinem Zimmer liegt, muß ich annehmen, daß es für mich abgegeben worden sei. Ich reiße es auf u. finde zwei kleine Kartons, öffne einen, er enthält scheußliche Ohrgehänge, die Karte, die dabei liegt Spanisch – ich trage diese Spanische Angelegenheit rasch aus meinem Zimmer u. ärgere mich einen Augenblick lang über die Dummheit der Zarayra, die mich unschuldig hat schuldig werden lassen. — © Transcription William Drabkin, 2024 |
{65}
July 29 ⇧ Trip to the post office, in vain. — I look for the Conservatory: the neighborhood in which I find this old, spacious building is anything but genteel. It is 12:30 and I am not counting on finding someone still there; yet I enter and give the doorman my calling card. A gentleman receives me, the professor of a piano class; unfortunately we cannot understand one another. And yet there appears – how mysterious! – as so often a rescuing angel, in the shape of a blue-eyed, blond German, a female pupil of this gentleman. The lady, who is collecting music that she had left behind(!), makes a skillful and most enthusiastic interpreter. The professor sums up the matter in this way: He will inform the director and “the gentlemen” (the other teachers?) and then invite me by telephone call to Huérfanos, where the Casa de las Bellas Artas is located. 1 The lady again offers to act as interpreter. Her name is Herzog, she is a {66} gymnast, a pupil of one of Dalcroze’s pupils. She takes me in her nice new car as far as the address; the professor joins us for part of the way. And so, even if belately, I have achieved everything that I intended and what was at all possible for me to achieve. My brother, a small man in big Chile, played no part in it whatsoever. — Near the Cathedral, a gray grasshopper, about 10 centimeters long and of the sort I have never seen before, has flown through the crowd of people and settles down on the train track: poor fellow who has lost his way! — After lunch, after I had just undressed, the servant knocks; I slip into a dressing gown. Mr. Doerler brings me the address I wished; he leaves immediately. I can now write the letter to Mr. Kögel to ask him for information on a hotel in Valparaiso. I take the letter to the post office and again get into conversation with a German at the stamp counter; he asks me how things really are in Germany, and with Hitler! What a sensation: a German who does not blindly believe what the newspapers cobble together for the German émigrés! He thinks that Hitler’s actions against the Jews are despicable. “I know a Jewish doctor here, who was a health-insurance doctor in Hamburg for fifteen years, served on the front, and was dismissed summarily.” The man was incensed: what a shame that there aren’t more such people; in Germany at any rate, they are not allowed to open their mouth! {67} I reply cautiously: I am on my own, an old helpless woman, what could I do?!? — I enter Carlos Friedemann’s shop to ask for one of the prospectuses to be given back. His wife’s brother is sitting at the piano, an enviably good sight-reader – very unfriendly, or unmannerly. Her husband also appears, doesn’t understand a word of German. — When I entered my room before lunch, I found a little package, bound with a pink ribbon – if it is in my room I must assume that it was left there for me. I tear it open and find two small boxes; I open one, which contains two hideous earrings. The card with it is in Spanish: I quickly remove this Spanish business from my room; and for a moment I get cross about the stupidity of Zarayra, who will innocently think that I am responsible. — © Translation William Drabkin, 2024 |
Footnotes1 Now the Academia Chilena de Bellas Artes, situated off the Monjitas, not far from the Huérfanos |