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30. VII. ⇧ Um 11h klopft der Diener u. bringt mir den ersehnten Luftpostbrief von Dr. Weisse — Gott sei Dank sage ich ganz laut, ich bin erlöst von der täglichen Lauferei! Der Brief, herzlicher als alle aus letzter Zeit, enthält ein Bildchen, nur die Hälfte der Familie! – u. einen Brief seiner Bank mit dem Bescheid, daß sie das Geld in der von mir gewünschten Weise, nicht schicken könne! 1 Weiße fragt: was nun? – (Aus dem Brief der Bank kann ich entnehmen, ein ziemlich hohes Guthaben dort besitzt!) — Um 1h ruft mich Frl. Herzog an u. teilt mir mit, daß sie schon mehr- {68} -mals vergeblich eine Verbindung gesucht habe. „Signor Decano“ von den Bellas Artes habe mich um 11h erwartet – das ist mir nun sehr peinlich! Die Hausleute wissen natürlich nichts von einem Anruf. Da mir Frl. Herzog die Nummer des Hauses an der Huerfanos genannt hat, beschließe ich, gleich dorthin zu gehen, um mich zu entschuldigen, es ist ½2h. Ich treffe den Herrn dort nicht an, der Hauswart (Verständigung auf dem Umweg über seine Frau, ein Schweizerin), geht übereifrig ans Telephon, um den Signor Decano von meiner Anwesenheit Meldung zu machen. Der Herr bittet mich zum Apparat u. lädt mich in sein nahegelegenes Haus ein. Da der Hauswart die Nummer nicht kennt, beleitet er mich. Der Decano heißt Domingo de la Cruz u. unterrichtet am Conservatorium „Analyse, Theorie u. Historie“ – im Nebenzimmer sehe ich ein Klavier u. ein Harmonium. Der Decano kann nur schlecht Deutsch sprechen, scheint aber alles zu verstehen. „Was wollen Sie“ (vielleicht: was wünschen Sie?) Ich will gar nichts, ich reise nicht als Agentin für den Verlag, auch nicht für das Werk, sage ich, ich bringe Ihnen etwas, eine neue Lehre!! Und was sollte ich antworten, wenn ich in Wien nach den Musikverhältnissen in Santiago gefragt werden würde!? Das leuchtet ihm ein. Ich lege den Prospect der Universal-Edition vor, der sichtlich starken Eindruck auf ihn macht. Ich lasse den Prospekt in seiner Hand u. sage zu, die Werke nach Chile zu schicken. Werde das auch veranlassen, die Sendung aber an {69} Friedemann dirigiren, der vielleicht etwas davon verkaufen kann. Ich wiederhole einige Male, daß mir nur die Verbreitung der Lehre am Herzen liege u. empfehle mich – bin gegen 3h zurück. — Etwas nach 5h kommt Frau von Kiesling, bringt den im Wagen vergessenen Honig ihrer Zucht mit. Wir plaudern erst eine Weile im Zimmer, nehmen dann den Thee im Eßzimmer. Es geht sehr animirt zu, sie erzählt, ich erzähle u. ehe wir uns umsehn ist ¾8h. Wir verabschieden uns dann sehr warm u. herzlich voneinander. Es geht ein geistiges Fluidum von der jungen Dame aus, das mich sehr angesprochen hat. Schenke ihr noch das kleine Lesezeichen [heart symbol] aus Galtür, auf dem geschrieben steht: „Lache, u. die ganze Welt lacht mit dir, weine, u. du weinst allein!“ Frau Schölermann war verhindert. Frl. Herzog wäre sicherlich nach 6h noch gern gekommen, ich wollte aber zum Abschied mit Frau von Kiesling allein sein. — Wieder sind, wie es immer der Fall gewesen, die letzten Tage sehr bewegt, ich habe aber das gute Gefühl, daß Alles, so wie ich es getan habe, dem geliebten Manne recht gewesen wäre! — © Transcription William Drabkin, 2024 |
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July 30 ⇧ The servant knocks at 11 o’clock and brings me the long-awaited airmail letter from Dr. Weisse. — Thank God, I cry aloud, I am saved from this daily running around! The letter, more cordial than any I have recently received, contains a little photograph, only half of the family!, and a letter from his bank informing me that it cannot send me the money in the way in which I would like! 1 Weisse asks: What now? (From the bank’s letter, I gather that a rather large sum of money is there!). — At 1 o’clock Miss Herzog telephones me, saying that she {68} has tried several times to get in touch with me, in vain. “Mr. Dean” from the [House of] Fine Arts was expecting me at 11 o’clock – that pains me deeply. The people in the guesthouse of course know nothing about a telephone call. As Miss Herzog has given me the number of the house on the Huérfanos, I decided to go there immediately in order to convey my apologies: it is 1:30. I do not see the gentleman there; the porter (to whom this is explained in a roundabout way by his wife, a Swiss lady) goes to the phone officiously to tell the Dean of my presence. The gentleman asks me to come to the telephone and invites me to his house, which is nearby. As the porter does not know the house number, he accompanies me. The Dean’s name is Domingo de la Cruz; he teaches “analysis, theory, and history” at the Conservatory – in the adjoining room I see a piano and a harmonium. The Dean can speak only bad German but seems to understand everything. “What do you want?” (perhaps he meant: “What would you like?”). “I do not want anything at all, I am not travelling as an agent for the publisher, and not for the work itself,” I say, “I am bringing you something – a new theory!!” And what should I reply if, in Vienna, I were asked about the musical situation in Santiago!? That is something he understands. I show him the prospectus from Universal Edition, which visibly makes a strong impression on him. I leave the prospectus in his hand and agree to send the works to Chile. I arrange, however, to have the package sent to Friedemann, {69} who may be able to sell something of it. I repeat a few times that the dissemination of the theory is all that matters to me and take my leave; I return towards 3 o’clock. — A little after 5 o’clock, Mrs. Kiesling arrives, bringing the honey that she had left behind in her car. We chat for a while in my room, then have tea in the dining room. The conversation is very animated: she talks, I talk, and before we realize it, it is a quarter to 8. We then take our leave of one another very warmly and affectionately; a spiritual aura flows from the young lady, which touches me greatly. I also give her the little bookmark [heart symbol] from Galtür, on which is written: “Laugh, and the whole world laughs with you; cry, and you cry alone!” Mrs. Schölermann was detained; Miss Herzog would certainly have wanted to come after 6 o’clock, but I wanted to be on my own with Mrs. Kiesling when we said farewell. — Again, as is always the case, the last few days are very hectic; but I have the good feeling that everything that I have done, and as I have done it, would have pleased my beloved husband! — © Translation William Drabkin, 2024 |
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30. VII. ⇧ Um 11h klopft der Diener u. bringt mir den ersehnten Luftpostbrief von Dr. Weisse — Gott sei Dank sage ich ganz laut, ich bin erlöst von der täglichen Lauferei! Der Brief, herzlicher als alle aus letzter Zeit, enthält ein Bildchen, nur die Hälfte der Familie! – u. einen Brief seiner Bank mit dem Bescheid, daß sie das Geld in der von mir gewünschten Weise, nicht schicken könne! 1 Weiße fragt: was nun? – (Aus dem Brief der Bank kann ich entnehmen, ein ziemlich hohes Guthaben dort besitzt!) — Um 1h ruft mich Frl. Herzog an u. teilt mir mit, daß sie schon mehr- {68} -mals vergeblich eine Verbindung gesucht habe. „Signor Decano“ von den Bellas Artes habe mich um 11h erwartet – das ist mir nun sehr peinlich! Die Hausleute wissen natürlich nichts von einem Anruf. Da mir Frl. Herzog die Nummer des Hauses an der Huerfanos genannt hat, beschließe ich, gleich dorthin zu gehen, um mich zu entschuldigen, es ist ½2h. Ich treffe den Herrn dort nicht an, der Hauswart (Verständigung auf dem Umweg über seine Frau, ein Schweizerin), geht übereifrig ans Telephon, um den Signor Decano von meiner Anwesenheit Meldung zu machen. Der Herr bittet mich zum Apparat u. lädt mich in sein nahegelegenes Haus ein. Da der Hauswart die Nummer nicht kennt, beleitet er mich. Der Decano heißt Domingo de la Cruz u. unterrichtet am Conservatorium „Analyse, Theorie u. Historie“ – im Nebenzimmer sehe ich ein Klavier u. ein Harmonium. Der Decano kann nur schlecht Deutsch sprechen, scheint aber alles zu verstehen. „Was wollen Sie“ (vielleicht: was wünschen Sie?) Ich will gar nichts, ich reise nicht als Agentin für den Verlag, auch nicht für das Werk, sage ich, ich bringe Ihnen etwas, eine neue Lehre!! Und was sollte ich antworten, wenn ich in Wien nach den Musikverhältnissen in Santiago gefragt werden würde!? Das leuchtet ihm ein. Ich lege den Prospect der Universal-Edition vor, der sichtlich starken Eindruck auf ihn macht. Ich lasse den Prospekt in seiner Hand u. sage zu, die Werke nach Chile zu schicken. Werde das auch veranlassen, die Sendung aber an {69} Friedemann dirigiren, der vielleicht etwas davon verkaufen kann. Ich wiederhole einige Male, daß mir nur die Verbreitung der Lehre am Herzen liege u. empfehle mich – bin gegen 3h zurück. — Etwas nach 5h kommt Frau von Kiesling, bringt den im Wagen vergessenen Honig ihrer Zucht mit. Wir plaudern erst eine Weile im Zimmer, nehmen dann den Thee im Eßzimmer. Es geht sehr animirt zu, sie erzählt, ich erzähle u. ehe wir uns umsehn ist ¾8h. Wir verabschieden uns dann sehr warm u. herzlich voneinander. Es geht ein geistiges Fluidum von der jungen Dame aus, das mich sehr angesprochen hat. Schenke ihr noch das kleine Lesezeichen [heart symbol] aus Galtür, auf dem geschrieben steht: „Lache, u. die ganze Welt lacht mit dir, weine, u. du weinst allein!“ Frau Schölermann war verhindert. Frl. Herzog wäre sicherlich nach 6h noch gern gekommen, ich wollte aber zum Abschied mit Frau von Kiesling allein sein. — Wieder sind, wie es immer der Fall gewesen, die letzten Tage sehr bewegt, ich habe aber das gute Gefühl, daß Alles, so wie ich es getan habe, dem geliebten Manne recht gewesen wäre! — © Transcription William Drabkin, 2024 |
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July 30 ⇧ The servant knocks at 11 o’clock and brings me the long-awaited airmail letter from Dr. Weisse. — Thank God, I cry aloud, I am saved from this daily running around! The letter, more cordial than any I have recently received, contains a little photograph, only half of the family!, and a letter from his bank informing me that it cannot send me the money in the way in which I would like! 1 Weisse asks: What now? (From the bank’s letter, I gather that a rather large sum of money is there!). — At 1 o’clock Miss Herzog telephones me, saying that she {68} has tried several times to get in touch with me, in vain. “Mr. Dean” from the [House of] Fine Arts was expecting me at 11 o’clock – that pains me deeply. The people in the guesthouse of course know nothing about a telephone call. As Miss Herzog has given me the number of the house on the Huérfanos, I decided to go there immediately in order to convey my apologies: it is 1:30. I do not see the gentleman there; the porter (to whom this is explained in a roundabout way by his wife, a Swiss lady) goes to the phone officiously to tell the Dean of my presence. The gentleman asks me to come to the telephone and invites me to his house, which is nearby. As the porter does not know the house number, he accompanies me. The Dean’s name is Domingo de la Cruz; he teaches “analysis, theory, and history” at the Conservatory – in the adjoining room I see a piano and a harmonium. The Dean can speak only bad German but seems to understand everything. “What do you want?” (perhaps he meant: “What would you like?”). “I do not want anything at all, I am not travelling as an agent for the publisher, and not for the work itself,” I say, “I am bringing you something – a new theory!!” And what should I reply if, in Vienna, I were asked about the musical situation in Santiago!? That is something he understands. I show him the prospectus from Universal Edition, which visibly makes a strong impression on him. I leave the prospectus in his hand and agree to send the works to Chile. I arrange, however, to have the package sent to Friedemann, {69} who may be able to sell something of it. I repeat a few times that the dissemination of the theory is all that matters to me and take my leave; I return towards 3 o’clock. — A little after 5 o’clock, Mrs. Kiesling arrives, bringing the honey that she had left behind in her car. We chat for a while in my room, then have tea in the dining room. The conversation is very animated: she talks, I talk, and before we realize it, it is a quarter to 8. We then take our leave of one another very warmly and affectionately; a spiritual aura flows from the young lady, which touches me greatly. I also give her the little bookmark [heart symbol] from Galtür, on which is written: “Laugh, and the whole world laughs with you; cry, and you cry alone!” Mrs. Schölermann was detained; Miss Herzog would certainly have wanted to come after 6 o’clock, but I wanted to be on my own with Mrs. Kiesling when we said farewell. — Again, as is always the case, the last few days are very hectic; but I have the good feeling that everything that I have done, and as I have done it, would have pleased my beloved husband! — © Translation William Drabkin, 2024 |
Footnotes1 In 1935 Weisse devised a scheme whereby money collected from his pupils in New York was to form a kind of pension for Jeanette, since her late husband was the author of the teaching materials he had been using at the David Mannes Music School and later at Columbia University. This letter does not survive. The money referred to here was probably collected in the spring of 1936 as Weisse, in an earlier letter to Jeanette (OJ 15/16, [98], May 26, 1935), had enclosed the first (and largest) of these pension payments. |