5. I. 1923 [recte 1924]

Verehrter Herr Doktor Schenker, 1

Gerne hätte ich gleich geantwortet, wie immer, und wie immer bin ich nicht dazu gekommen statt des Pinsels die Feder zu erwischen. 2 Sie habens leicht, schreiben ist ihr Metier, so geht ein Brief schon drein, jedenfalls vielen Dank. Steinhof aber schrieb mir er wolle sich Ihnen vorstellen. Recht wäre mir’s wenn er Sie nur irgendwie interessieren könnte. 3

Von der Angelegenheit mit der Zeichnung hörte ich durch Ihren Brief zum ersten Mal, dachte nur, dass Brünauer, wie so oft Leute dies tun, diese Absicht flüchtig und ohne Ernst äußerte. 4 Lieber Professor, wenn es nur irgend meine Zeit erlaubt möchte ich Sie sehr bitten mir zu einer Zeichnung zu sitzen, das Vergnügen Ihrer Gesellschaft allein ist es mir wert. Geht es nicht diesen Jänner (ich komme gegen den 25. I.), so vielleicht im Mai oder Juni, aber das machen wir bestimmt. Ich freu mich schon drauf und wie gesagt nicht ohne Eigennutz, ich werde Sie sehr vieles fragen während der Sitzungen.

{2} Was Sie über Halm schreiben interessierte mich sehr, mehr noch was Sie selber bei dieser Gelegenheit sagen. Ich kann Ihnen nicht unrecht geben denn ich bin zu jung dazu um mir das ohneweiters erlauben zu können. Aber mir sagt es nicht zu dass, im Grunde genommen die eckelhafteste [sic] Eigenschaft aller Westvölker ‒ die Russen z. B. unterscheiden sich darin so wohltuend von ihnen ‒ ihr Chauvinismus, die Überzeugung von vornherein von ihrer Güte, Größe, Genie etc. die sie alle haben und auch äußern uns Vorbild sein soll. Auch wir Deutsche fangen in plumpester Weise damit an, aber warum frage ich? Ist es nicht unser gutes Vorrecht zu prüfen und dann erst zu entscheiden. Nehmen wir einmal nicht „den“ Franzosen und nicht „den“ Deutschen, denn das gibt es ohnehin nicht. Die Pariser Blätter hatten eine Umfrage ausgeschrieben welcher Künstler das „Genie der Rasse“ am besten dar durch sich und seine Werke darstellte und ausdrückte. Sollen wir das auch nachmachen? Wie widerwärtig ist diese Art doch, der richtige Gockelhahn am Mist. – Nun wirft man „dem“ Deutschen mit Recht vor, dass er {3} alles gut fände was ausländisch sei. Gewiß, das ist und bleibt Barbarenart wie Priscus es schon von den Germanen erzählt. 5 Doch ist gewiß Billigkeit der Grundzug deutscher Natur und sagen wir Sie, wo kämen wir heute hin wenn wir diese Billigkeit trotz aller Quälerei und Niedertracht der andern aufgäben. Ja, wir sind noch im Stande in unsern Feinden und Verfolgern Gottes Geissel 6 zu sehn und zu dulden. Sicherlich wird man mir selber nicht vorwerfen können, dass ich deutsche Art verleugnete, dass ich in der Fremde die Federn suche die mich zu Hause besonders gut kleiden sollten, ich bin doch hergekommen 7 um erst recht der zu bleiben der ich geboren bin. – Muß ich denn auch von vornherein ein Antisemit sein? Alles ablehnen was aus jüdischen Händen kommt? Soll es mir billig verwehrt sein zuerst zu prüfen, selber Urteil zu haben und ohne Vorurteil zu nehmen und zu achten was achtenswert ist? – Ich weiß, Sie wenden sich gegen die Frechheit mit der so ein Lauser, Beethoven und Holbein in den Mund nimmt, leider müssen Sie dabei einem Elenden wie Schurig einem Deutschen, aufs Maul klopfen und sie haben es gut gethan. 8 — Was mir nicht {4} recht ist, ist immer „der“ Italiener „der“ Franzos etc. besonders wer im Ausland lebt, sieht wie falsch das ist und wie unglücklich, unchristlich.

Aber verehrter Meister Sie haben doch recht, Kokoschka ist ganz schlecht, 9 Expressionismus ist ganz schlecht und jetzt sekundiere ich Ihnen. Darüber sind mir die Augen aufgegangen. Die Art aller großen Meister ist verschämt, die Form ist da um zu verhüllen, das eigene individuelle Leben ‒ das unverschämte ‒ unindividuell, einfach, kühl, himmlisch zur Gestaltung zu bringen. Und all das Zeug von heute heißt Unverschämtheit mit Namen, nicht Gestaltung nein Ausstellung wollen sie. Und dieser Wagner hat begonnen diese listigen Figuren wie der Beckmesser und diese listigen Reden um die andern tot zu machen von vornherein vom Alten und Neuen, dieses ewige pro domo Reden ist doch wahrlich keinem Bach oder Mozart oder Beethoven eingefallen.

Leo Stein der Mensch der vor 18–20 Jahren in Paris die Picasso, Matisse etc. entdeckt und z. T. gemacht hat, 10 – jetzt hat er keine Bilder mehr von ihnen, weil er nicht genug Geld {5} hat, so sagt der Fuchs der den Mist beizeiten loszuschlagen wusste — dieser Stein sagte mir: „Ja, ich hatte ein Bild von Matisse, da waren 2 Gelb, auf einem Porträt, das war unglaublich wie diese zwei Gelb zusammen gewirkt haben, so originell, man konnte es immer wieder ansehn es war nicht langweilig und er hat es auch so nicht wieder zusammen gebracht.“ Ich habe nichts gesagt, denn er redet einen ja doch in Grund und Boden, aber ich dachte mir: Die 2 Gelb waren gewiß gut nebeneinander, aber das ganze Bild war schlecht und scheußlich, steck dir deine 2 Gelb irgendwo hin wo sie besser passen. So ist’s mit den Motiven, es gibt ja oft wunderschöne Motive, irgendwo, aber das ganze Stück ist übel ohne Hand und Kopf. Es ist kein Wille zur Gestaltung zum Austragen des Empfangenen. Ein zufällig gelungenes Stückchen ist noch lange nicht Zeuge von Meisterschaft.

Wenn ich so in ihrem Tonwillen lese, muß ich Ihnen bis in’s Kleinste Recht geben, ‒ keinen Vorwurf dem Sie {6} nicht von vornherein wehrten. Und doch stimmt was nicht, für mein Gefühl wenigstens. Wissen Sie, wir Maler haben halt einen heiden Respekt vor den Franzosen, nicht dass wir anderswo keine großen Maler aufweisen könnten, aber solche Maler wie die Franzosen haben wir nicht und nicht die Niederländer oder die Italiener. Rembrandt oder Michelangelo gieb gab es keine in Paris, aber nirgendswo auf der Welt gab’s einen Meister wie Chardin z. B. rein, einfach, sicher in seiner Meisterschaft, ein großer Maler, Clouet, Watteau, Ingres, das sind ewige Namen, unantastbar, rein, wie unsere deutschen Musiker. Es ist halt was ganz besonders in den Leuten, reine reine Maler unbeschwert von allem was nicht mit ihrer eigensten Kunst zusammenhängt, auch das 19. Jahrh. war groß bei ihnen. Wenn ich an Chardin denke oder Bilder sehe von ihm so bleibt kein Rest, nichts unbefriedigtes, nichts was meine deutsche Seele nicht verstünde. Und die Größe Watteau’s! — Ich habe das öfters bemerkt im Ausland, wenn sich irgendwer so an die Deutschen heranmacht und sie auf alle mögliche Art klein machen will, {7} jeder hält so das Maul wenn man ihm seine deutschen Noten am Clavier zeigt, unfehlbar geschlagen.

Was ähnliches möcht ich mir nicht gern gefallen lassen.

Nun aber Schluß. Sie nehmen mir mein Geschreibe gewiß nicht übel, hoffe, Sie noch Ende des Monats in Wien zu sehn. 11 Bitte empfehlen Sie mich bestens Ihrer Gattin und seien Sie aufs herzlichste gegrüßt


von Ihrem ganz ergebenen
[signed:] V. Hammer

Firenze, Via San Carlo 15, Villa Cipressi

© Transcription Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2019


January 5, 1923 [recte 1924]

Revered Dr. Schenker, 1

As always, I would have liked to answer immediately, and as always I didn't get around to taking up the pen instead of the paintbrush. 2 You have it easy, writing is your occupation, so letter-writing fits right in; in any case, many thanks. Steinhof did write to me that he wanted to introduce himself to you. I would be glad if he could interest you in some way. 3

I heard about the business of the drawing for the first time from your letter; I just thought that Brünauer, as people so often tend to do, expressed his intention hastily and wasn't serious. 4 Dear Professor, if I could somehow just find the time I would very much like to ask you to sit for a drawing; the pleasure of your company alone would make it worthwhile for me. If it doesn't work out for this January (I will be coming back around 1/25) then perhaps in May or June, but we will definitely manage to arrange it. I am already looking forward to it and, as I said, it will also benefit me; I intend to ask you many questions during the sittings.

{2} What you say about Halm interests me greatly, and what interests me even more is what you yourself say in this instance. I cannot disagree with you since I am too young to simply allow myself to do so. But I cannot accept that we should hold up as a model what is essentially the most loathsome trait of all Western peoples (the Russians, for example, differ favorably from them in this respect): their chauvinism, the pre-conceived and universally held and expressed conviction of their benevolence, greatness, genius, etc. We Germans, too, are starting to do this, in the most heavy-handed way — but why, I ask? Isn't it our worthy prerogative to examine and only then to judge. Let us, for once, not take as a given "the" Frenchman and "the" German, because they don't exist anyway. The Parisian papers conducted a survey of which artist best represented and expressed the "genius of the race" through his life and works. Should we imitate that as well? How despicable is this mentality, like a rooster on his dung heap. ‒ Now one justifiably reproaches "the" German for thinking that {3} everything foreign is good. Indeed, this is and continues to be the behavior of a barbarian, as Priscus related when describing the Germanic peoples. 5 But surely fairness is a fundamental trait of the German character and tell me, where would we be today if we gave up this fairness despite all the harassment and malevolence of others. Yes, we are still capable of recognizing and enduring the Scourge of God 6 in our enemies and persecutors. Surely nobody could accuse me personally of renouncing German ways, of seeking plumage in foreign lands that would clothe me particularly well at home; I really came here 7 in order to remain more than ever just who I was when I was born. ‒ Must I then really be an anti-Semite at the outset? Reject everything produced by Jewish hands? Is it fair that I should be forbidden to examine first, to judge for myself and to do so without prejudgment and to honor what is honorable? ‒ I know, you assail the impudence of the kind of rogue who dares to speak about Beethoven and Holbein; unfortunately this involves scolding a wretch like Schurig ‒ a German ‒ and you did it well. 8 ‒ What I am unhappy about {4} is the constant reference to "the" Italian, "the" Frenchman, etc.; especially those living abroad know how wrong that is, and how unfortunate, unchristian.

But, revered Master, you are right ‒ Kokoschka is very bad, 9 expressionism is very bad and now I agree with you. On this my eyes were opened. The art of all great masters is discreet; form exists to veil one's own ‒ indiscreet ‒ personal life and to bring it forth as something impersonal, simple, cool, heavenly. And all the nonsense of today can be labeled indiscreet effrontery; they don't want formal structure, no, they want exhibitionism. And this man Wagner has invented these wily characters like Beckmesser and these wily speeches on old and new things for the purpose of defaming others from the outset; this endless self-promoting talk would truly not occur to a Bach or a Mozart or a Beethoven.

Leo Stein, the person who discovered the works of Picasso, Matisse, etc. in Paris 18–20 years ago and had a hand in making them known 10 ‒ he no longer has any paintings by them, because he doesn't have enough money, {5} so says the sly fox, who was clever enough to sell this garbage at the right time ‒ this same Stein told me: "Yes, I had a painting by Matisse, it had two yellows, on a portrait, it was unbelievable how these two yellows worked together, so original, one could look at it again and again, it wasn't boring and besides he was never able to create the same effect again." I didn't say anything, because he talks you into the ground, but I thought to myself: The two yellows were certainly good next to each other, but the whole painting was bad and hideous, you can take your two yellows and stuff them someplace where they belong. It's the same with motives, one often finds gorgeous motives someplace but the whole piece is bad for no rhyme or reason. There is no intent to create structure or to shape what is perceived. An accidentally successful piece is by no means evidence of mastery.

When I read your Tonwille , I have to agree with you down to the smallest detail, ‒ there is nothing to criticize that you {6} haven't countered in advance. And yet, something is not right, at least not to my mind. You know, we painters have a great deal of respect for the French, not that we couldn't point to great painters elsewhere, but we don't have such painters as do the French, nor do the Dutch or the Italians. There were no Rembrandts or Michelangelos in Paris, but nowhere else in the world was there a master like Chardin, for instance ‒ pure, simple, secure in his mastery, a great painter. Clouet, Watteau, Ingres, these are eternal names, inimitable, pure, like our German musicians. There is something very special about such people, pure, pure painters unburdened by anything that is not related to their innermost art; the 19th century, too, had a lot of them. When I think of Chardin or see paintings by him, nothing remains unsaid, nothing is left unsatisfied, nothing that my German soul could not understand. And the greatness of Watteau! ‒ I have often noticed when I'm abroad that when someone comes up to Germans and wants to belittle them in every possible way {7} he invariably holds his tongue when he is shown their German music at the piano, unfailingly defeated.

I wouldn't want to have to put up with anything like that.

But now, enough. Don't hold my scribbling against me, still hope to see you in Vienna at the end of the month. 11 Please give my best regards to your wife and my most cordial greetings


from your wholly devoted
[signed:] V. Hammer

Florence, Via San Carlo 15, Villa Cipressi

© Translation Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2019


5. I. 1923 [recte 1924]

Verehrter Herr Doktor Schenker, 1

Gerne hätte ich gleich geantwortet, wie immer, und wie immer bin ich nicht dazu gekommen statt des Pinsels die Feder zu erwischen. 2 Sie habens leicht, schreiben ist ihr Metier, so geht ein Brief schon drein, jedenfalls vielen Dank. Steinhof aber schrieb mir er wolle sich Ihnen vorstellen. Recht wäre mir’s wenn er Sie nur irgendwie interessieren könnte. 3

Von der Angelegenheit mit der Zeichnung hörte ich durch Ihren Brief zum ersten Mal, dachte nur, dass Brünauer, wie so oft Leute dies tun, diese Absicht flüchtig und ohne Ernst äußerte. 4 Lieber Professor, wenn es nur irgend meine Zeit erlaubt möchte ich Sie sehr bitten mir zu einer Zeichnung zu sitzen, das Vergnügen Ihrer Gesellschaft allein ist es mir wert. Geht es nicht diesen Jänner (ich komme gegen den 25. I.), so vielleicht im Mai oder Juni, aber das machen wir bestimmt. Ich freu mich schon drauf und wie gesagt nicht ohne Eigennutz, ich werde Sie sehr vieles fragen während der Sitzungen.

{2} Was Sie über Halm schreiben interessierte mich sehr, mehr noch was Sie selber bei dieser Gelegenheit sagen. Ich kann Ihnen nicht unrecht geben denn ich bin zu jung dazu um mir das ohneweiters erlauben zu können. Aber mir sagt es nicht zu dass, im Grunde genommen die eckelhafteste [sic] Eigenschaft aller Westvölker ‒ die Russen z. B. unterscheiden sich darin so wohltuend von ihnen ‒ ihr Chauvinismus, die Überzeugung von vornherein von ihrer Güte, Größe, Genie etc. die sie alle haben und auch äußern uns Vorbild sein soll. Auch wir Deutsche fangen in plumpester Weise damit an, aber warum frage ich? Ist es nicht unser gutes Vorrecht zu prüfen und dann erst zu entscheiden. Nehmen wir einmal nicht „den“ Franzosen und nicht „den“ Deutschen, denn das gibt es ohnehin nicht. Die Pariser Blätter hatten eine Umfrage ausgeschrieben welcher Künstler das „Genie der Rasse“ am besten dar durch sich und seine Werke darstellte und ausdrückte. Sollen wir das auch nachmachen? Wie widerwärtig ist diese Art doch, der richtige Gockelhahn am Mist. – Nun wirft man „dem“ Deutschen mit Recht vor, dass er {3} alles gut fände was ausländisch sei. Gewiß, das ist und bleibt Barbarenart wie Priscus es schon von den Germanen erzählt. 5 Doch ist gewiß Billigkeit der Grundzug deutscher Natur und sagen wir Sie, wo kämen wir heute hin wenn wir diese Billigkeit trotz aller Quälerei und Niedertracht der andern aufgäben. Ja, wir sind noch im Stande in unsern Feinden und Verfolgern Gottes Geissel 6 zu sehn und zu dulden. Sicherlich wird man mir selber nicht vorwerfen können, dass ich deutsche Art verleugnete, dass ich in der Fremde die Federn suche die mich zu Hause besonders gut kleiden sollten, ich bin doch hergekommen 7 um erst recht der zu bleiben der ich geboren bin. – Muß ich denn auch von vornherein ein Antisemit sein? Alles ablehnen was aus jüdischen Händen kommt? Soll es mir billig verwehrt sein zuerst zu prüfen, selber Urteil zu haben und ohne Vorurteil zu nehmen und zu achten was achtenswert ist? – Ich weiß, Sie wenden sich gegen die Frechheit mit der so ein Lauser, Beethoven und Holbein in den Mund nimmt, leider müssen Sie dabei einem Elenden wie Schurig einem Deutschen, aufs Maul klopfen und sie haben es gut gethan. 8 — Was mir nicht {4} recht ist, ist immer „der“ Italiener „der“ Franzos etc. besonders wer im Ausland lebt, sieht wie falsch das ist und wie unglücklich, unchristlich.

Aber verehrter Meister Sie haben doch recht, Kokoschka ist ganz schlecht, 9 Expressionismus ist ganz schlecht und jetzt sekundiere ich Ihnen. Darüber sind mir die Augen aufgegangen. Die Art aller großen Meister ist verschämt, die Form ist da um zu verhüllen, das eigene individuelle Leben ‒ das unverschämte ‒ unindividuell, einfach, kühl, himmlisch zur Gestaltung zu bringen. Und all das Zeug von heute heißt Unverschämtheit mit Namen, nicht Gestaltung nein Ausstellung wollen sie. Und dieser Wagner hat begonnen diese listigen Figuren wie der Beckmesser und diese listigen Reden um die andern tot zu machen von vornherein vom Alten und Neuen, dieses ewige pro domo Reden ist doch wahrlich keinem Bach oder Mozart oder Beethoven eingefallen.

Leo Stein der Mensch der vor 18–20 Jahren in Paris die Picasso, Matisse etc. entdeckt und z. T. gemacht hat, 10 – jetzt hat er keine Bilder mehr von ihnen, weil er nicht genug Geld {5} hat, so sagt der Fuchs der den Mist beizeiten loszuschlagen wusste — dieser Stein sagte mir: „Ja, ich hatte ein Bild von Matisse, da waren 2 Gelb, auf einem Porträt, das war unglaublich wie diese zwei Gelb zusammen gewirkt haben, so originell, man konnte es immer wieder ansehn es war nicht langweilig und er hat es auch so nicht wieder zusammen gebracht.“ Ich habe nichts gesagt, denn er redet einen ja doch in Grund und Boden, aber ich dachte mir: Die 2 Gelb waren gewiß gut nebeneinander, aber das ganze Bild war schlecht und scheußlich, steck dir deine 2 Gelb irgendwo hin wo sie besser passen. So ist’s mit den Motiven, es gibt ja oft wunderschöne Motive, irgendwo, aber das ganze Stück ist übel ohne Hand und Kopf. Es ist kein Wille zur Gestaltung zum Austragen des Empfangenen. Ein zufällig gelungenes Stückchen ist noch lange nicht Zeuge von Meisterschaft.

Wenn ich so in ihrem Tonwillen lese, muß ich Ihnen bis in’s Kleinste Recht geben, ‒ keinen Vorwurf dem Sie {6} nicht von vornherein wehrten. Und doch stimmt was nicht, für mein Gefühl wenigstens. Wissen Sie, wir Maler haben halt einen heiden Respekt vor den Franzosen, nicht dass wir anderswo keine großen Maler aufweisen könnten, aber solche Maler wie die Franzosen haben wir nicht und nicht die Niederländer oder die Italiener. Rembrandt oder Michelangelo gieb gab es keine in Paris, aber nirgendswo auf der Welt gab’s einen Meister wie Chardin z. B. rein, einfach, sicher in seiner Meisterschaft, ein großer Maler, Clouet, Watteau, Ingres, das sind ewige Namen, unantastbar, rein, wie unsere deutschen Musiker. Es ist halt was ganz besonders in den Leuten, reine reine Maler unbeschwert von allem was nicht mit ihrer eigensten Kunst zusammenhängt, auch das 19. Jahrh. war groß bei ihnen. Wenn ich an Chardin denke oder Bilder sehe von ihm so bleibt kein Rest, nichts unbefriedigtes, nichts was meine deutsche Seele nicht verstünde. Und die Größe Watteau’s! — Ich habe das öfters bemerkt im Ausland, wenn sich irgendwer so an die Deutschen heranmacht und sie auf alle mögliche Art klein machen will, {7} jeder hält so das Maul wenn man ihm seine deutschen Noten am Clavier zeigt, unfehlbar geschlagen.

Was ähnliches möcht ich mir nicht gern gefallen lassen.

Nun aber Schluß. Sie nehmen mir mein Geschreibe gewiß nicht übel, hoffe, Sie noch Ende des Monats in Wien zu sehn. 11 Bitte empfehlen Sie mich bestens Ihrer Gattin und seien Sie aufs herzlichste gegrüßt


von Ihrem ganz ergebenen
[signed:] V. Hammer

Firenze, Via San Carlo 15, Villa Cipressi

© Transcription Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2019


January 5, 1923 [recte 1924]

Revered Dr. Schenker, 1

As always, I would have liked to answer immediately, and as always I didn't get around to taking up the pen instead of the paintbrush. 2 You have it easy, writing is your occupation, so letter-writing fits right in; in any case, many thanks. Steinhof did write to me that he wanted to introduce himself to you. I would be glad if he could interest you in some way. 3

I heard about the business of the drawing for the first time from your letter; I just thought that Brünauer, as people so often tend to do, expressed his intention hastily and wasn't serious. 4 Dear Professor, if I could somehow just find the time I would very much like to ask you to sit for a drawing; the pleasure of your company alone would make it worthwhile for me. If it doesn't work out for this January (I will be coming back around 1/25) then perhaps in May or June, but we will definitely manage to arrange it. I am already looking forward to it and, as I said, it will also benefit me; I intend to ask you many questions during the sittings.

{2} What you say about Halm interests me greatly, and what interests me even more is what you yourself say in this instance. I cannot disagree with you since I am too young to simply allow myself to do so. But I cannot accept that we should hold up as a model what is essentially the most loathsome trait of all Western peoples (the Russians, for example, differ favorably from them in this respect): their chauvinism, the pre-conceived and universally held and expressed conviction of their benevolence, greatness, genius, etc. We Germans, too, are starting to do this, in the most heavy-handed way — but why, I ask? Isn't it our worthy prerogative to examine and only then to judge. Let us, for once, not take as a given "the" Frenchman and "the" German, because they don't exist anyway. The Parisian papers conducted a survey of which artist best represented and expressed the "genius of the race" through his life and works. Should we imitate that as well? How despicable is this mentality, like a rooster on his dung heap. ‒ Now one justifiably reproaches "the" German for thinking that {3} everything foreign is good. Indeed, this is and continues to be the behavior of a barbarian, as Priscus related when describing the Germanic peoples. 5 But surely fairness is a fundamental trait of the German character and tell me, where would we be today if we gave up this fairness despite all the harassment and malevolence of others. Yes, we are still capable of recognizing and enduring the Scourge of God 6 in our enemies and persecutors. Surely nobody could accuse me personally of renouncing German ways, of seeking plumage in foreign lands that would clothe me particularly well at home; I really came here 7 in order to remain more than ever just who I was when I was born. ‒ Must I then really be an anti-Semite at the outset? Reject everything produced by Jewish hands? Is it fair that I should be forbidden to examine first, to judge for myself and to do so without prejudgment and to honor what is honorable? ‒ I know, you assail the impudence of the kind of rogue who dares to speak about Beethoven and Holbein; unfortunately this involves scolding a wretch like Schurig ‒ a German ‒ and you did it well. 8 ‒ What I am unhappy about {4} is the constant reference to "the" Italian, "the" Frenchman, etc.; especially those living abroad know how wrong that is, and how unfortunate, unchristian.

But, revered Master, you are right ‒ Kokoschka is very bad, 9 expressionism is very bad and now I agree with you. On this my eyes were opened. The art of all great masters is discreet; form exists to veil one's own ‒ indiscreet ‒ personal life and to bring it forth as something impersonal, simple, cool, heavenly. And all the nonsense of today can be labeled indiscreet effrontery; they don't want formal structure, no, they want exhibitionism. And this man Wagner has invented these wily characters like Beckmesser and these wily speeches on old and new things for the purpose of defaming others from the outset; this endless self-promoting talk would truly not occur to a Bach or a Mozart or a Beethoven.

Leo Stein, the person who discovered the works of Picasso, Matisse, etc. in Paris 18–20 years ago and had a hand in making them known 10 ‒ he no longer has any paintings by them, because he doesn't have enough money, {5} so says the sly fox, who was clever enough to sell this garbage at the right time ‒ this same Stein told me: "Yes, I had a painting by Matisse, it had two yellows, on a portrait, it was unbelievable how these two yellows worked together, so original, one could look at it again and again, it wasn't boring and besides he was never able to create the same effect again." I didn't say anything, because he talks you into the ground, but I thought to myself: The two yellows were certainly good next to each other, but the whole painting was bad and hideous, you can take your two yellows and stuff them someplace where they belong. It's the same with motives, one often finds gorgeous motives someplace but the whole piece is bad for no rhyme or reason. There is no intent to create structure or to shape what is perceived. An accidentally successful piece is by no means evidence of mastery.

When I read your Tonwille , I have to agree with you down to the smallest detail, ‒ there is nothing to criticize that you {6} haven't countered in advance. And yet, something is not right, at least not to my mind. You know, we painters have a great deal of respect for the French, not that we couldn't point to great painters elsewhere, but we don't have such painters as do the French, nor do the Dutch or the Italians. There were no Rembrandts or Michelangelos in Paris, but nowhere else in the world was there a master like Chardin, for instance ‒ pure, simple, secure in his mastery, a great painter. Clouet, Watteau, Ingres, these are eternal names, inimitable, pure, like our German musicians. There is something very special about such people, pure, pure painters unburdened by anything that is not related to their innermost art; the 19th century, too, had a lot of them. When I think of Chardin or see paintings by him, nothing remains unsaid, nothing is left unsatisfied, nothing that my German soul could not understand. And the greatness of Watteau! ‒ I have often noticed when I'm abroad that when someone comes up to Germans and wants to belittle them in every possible way {7} he invariably holds his tongue when he is shown their German music at the piano, unfailingly defeated.

I wouldn't want to have to put up with anything like that.

But now, enough. Don't hold my scribbling against me, still hope to see you in Vienna at the end of the month. 11 Please give my best regards to your wife and my most cordial greetings


from your wholly devoted
[signed:] V. Hammer

Florence, Via San Carlo 15, Villa Cipressi

© Translation Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2019

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at pp. 2617-2618, January 9, 1924: "Von Hammer (Br.): möchte mich im Januar oder Mai – Juni ‘bestimmt['] zeichnen. Gegen meine Wendung ‘der' Franzose, ‘der' Italiener – wolle sich von solchen Vorurteilen freihalten, vorerst prüfen u. das Beste behalten – gibt mir aber gegen Halm dennoch Recht. Begründet seinen Respekt vor den französischen Malern usw." ("From Hammer (letter): ‘definitely['] wishes to make a portrait of me in January or May–June. Contrary to my expressions 'the' French, 'the' Italian – wishes to stay clear of such pre-judgments, look at it first to retain the best – but admits that I am right in regard to Halm. Justifies his respect for the French painters, etc.").

2 Hammer is replying to Schenker's letter of December 2, 1923 (JOB 94-3, [6]).

3 See Hammer's letter of November 25, 1923 (OJ 11/36, [10]), where he first mentioned Eugen Steinhof to Schenker.

4 See Schenker's discussion of the "Hammer–Brünauer–Schenker matter" in his letter of December 2, 1923 (JOB 94-3, [6]).

5 The fragmentary writings of Priscius of Panium, a 5th-century Greek historian, include an account of his diplomatic mission to the court of Attila the Hun.

6 A reference to Attila the Hun.

7 The city of Florence, where Hammer had a residence.

8 In the "Miscellania" section of Tonwille 4, pp. 31–32 (Eng. transl., vol. I, pp. 171–72), Schenker sharply criticized Arthur Schurig who, in his Wolfgang Amadeus Mozart: sein Leben und sein Werk (Leipzig: Insel Verlag, 1913, 2nd edn 1923) drew on sources showing French influences on Mozart. Schenker's diatribe closed: "Schurig schenke uns doch ‒ eine Debussy-Biographie" ("Schurig, please make your next book ‒ a biography of Debussy. . ."). Earlier, he made derisive remarks about Schurig in Tonwille 2, pp. 18 and 22 (Eng. transl. vol. I, pp. 65 and 69), and Tonwille 3, p. 29 (Eng. transl. vol. I, p. 125).

9 Kokoschka had been discussed during Hammer's visit of November 7, 1923, recorded in the diary at p. 2595: "Hammer um 5h, Frau Hammer um ½6h; sein Eintreten für Kokoschkas Kubismus will er nur so aufgefaßt wissen, wie etwa meine Würdigung von Bruckner, nicht mehr. . . ." ("Hammer at 5:00, Mrs. Hammer at 5:30; he wants his advocacy of Kokoschka's cubism to be understood as rather like my appreciation of Bruckner, no more. . . .").

10 Leo Stein, the brother of the writer Gertrude Stein, lived in Paris from 1903 to 1914.

11 Hammer visited Schenker on January 27, 1924 (diary, p. 2626): "Hammer erscheint um 6½h bleibt bis gegen 11h! –; erklärt mir an Graffs Schiller u. Stiler Goethe Gut u. Schlecht in der Malerei u. die grundlegenden Elemente: Rahmen, Zeichnung, Modellierung u. Farbe. Erklärt die letzte als ein nicht zu bändigendes Element, das den anderen förmlich entgegentritt. Zieht van der Mer [sic] u. Chardin als Beispiele an. Nun fragt er, wie weit die Musik korrespondirende Elemente aufzuweisen habe u. gleich über dem Rahmen stolpern wir: es müßte denn die Diatonie als Ganzes genommen dafür ausgegeben werden. In der Folge betone ich immer wieder den Unterschied, der dadurch hervortritt, daß die Musik das zeitliche Nacheinander, im Gegensatz zur Malerei, ja erst erzeugen muß. Ich führe ihn dann ans Klavier u. zeige ihm op. 109 u. die Appassionata."
("Hammer appears at 6:30 and stays until about 11:00! –; explains to me good and bad in painting and the basic elements using Graff's Schiller and Stiler's Goethe: framework, drawing, modeling, and color. Explains the latter as an uncontrollable element, which literally counteracts the others. Invokes as examples van der Mer [sic] and Chardin. Now he asks to what extent music exhibits corresponding elements and we stumble straight away over the framework: diatony in its entirety would have to serve as that. Subsequently I repeatedly emphasize the difference which arises because music, as opposed to painting, must first generate temporal successivity. I lead him to the piano and show him Opus 109 and the Appassionata."). — Hammer demonstrated several of his points by means of Anton Graff's portrait of Schiller and Joseph Karl Stieler's portrait of Goethe that hung on the wall of Schenker's music room in his apartment on the Keilgasse (see the right side of the photograph). The reference to "van der Mer" is most likely to Jan Vermeer.

Commentary

Format
7p letter: holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs and representatives of Viktor Hammer
License
Permission to publish granted by the executor of the estate of Carolyn Reading Hammer October 14, 2013. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence (at) mus (dot) cam (dot) uk

Digital version created: 2020-01-10
Last updated: 2011-02-12