27.

Erste Monatssendung an Wilhelm für Mama. Zwar hat seinerzeit W. selbst der Mutter gedroht, daß er nichts zu ihrem Unterhalt beitragen werde, sobald sie bei einem ihrer Kinder Platz nehmen würde – dennoch opponiert er heute nicht, da er selbst es nun ist, der das Geld zu empfangen hat. Auch der Umstand, daß er sich all’ die Jahre her nur allzu leicht mit dem Problem der Mutter abgefunden, macht ihn nicht gerechter. Doch all’ das erweist nur wie klug ich handelte, als ich ihm in K. sofort die Gelder ver ankündigte, die seiner harren! Ohne Zweifel hätten er auch mit 100 Kronen von Mošzio vorlieb genommen, {870} zumal er selbst niemals in der Lage gewesen wäre, von M. 200 Kr. zu erreichen – aber gerne sei seiner niedrigen Natur genüge geleistet um den Preis, daß sich die Mutter dort wirklich wohl fühlt, denn nur dies allein macht uns Beiden hier das Gewissen leicht.

*

Ein wundervoller Morgen lockt mich auf einige Minuten ins Freie, ohne Lie-Liechen, die darauf nicht vorbereitet gewesen u. den Spaziergang wegen der Kürze der Zeit nicht in Einklang bringen konnte mit den übrigen Forderungen. Dieser kurze Spaziergang gibt mir die wohltätige Idee ein, zwei Tage, also auch den folgenden Sonntag der Rast zu widmen!

Nachmittags nimmt Hupka Abschied in der Voraussetzung, daß er bei der Musterung für tauglich befunden wird. — In seiner Stunde erscheint Weisse, der mir folgendes erzählt: Adler lenke unter dem Eindruck der Arbeit stark ein u. meinte, er, Weisse, sollte sich dafür widmen, wenn er sich nicht sonst der Komposition widmen wollte. Ferner habe er mehrere „Einwände“ vorgebracht, [illeg]darunter z. B. den, daß er die Begriffe „Causalität“ und „Synthese“ nicht verstehe! Ich mußte dazu unwillkürlich lachen, weil da mir Weisse im selben Athem er zählte, daß Adler noch ein tieferes Eingehen auf die Literatur forderte, so z. B. Citierung von allerhand Kritiken der ältesten Musik-Zeitschriften . ., was er eben unter dem Begriff „Musikgeschichte“ subsummiert. Das Amüsanteste war wohl aber, was der eigene Assistent Adlers W. mitteilte, nämlich daß es für ihn geboten sei in die Vorlesungen zu kommen, da Adler die gefährliche Eigenschaft habe, sich Aanderer Ideen anzueignen u. sie sofort in den Vorlesungen zu verwerten. Auch schon diese Arbeit Weisses habe Adler, so erzählte der Assistent, mißbraucht, indem er mit einer Wendung „diese Gedanken machte ich mir, da ich eine Arbeit des Herrn Weisse las“ eben die Gedanken des letzteren statt der eigenen Vvortrug. Und schließlich teilte der Assistent auch mit, daß A. sich endlich herbeigelassen habe, meine theoretischen Arbeiten der Seminar-Bibliothek einzuverleiben. Also auch dieser angebliche Tyrann ist in Wahrheit nur ein Feigling!!

*

{871}

© Transcription Marko Deisinger.

27.

First monthly consignment to Wilhelm for Mama. To be sure, Wilhelm had previously threatened our mother that he would not contribute anything to her subsistence if she were to take her place with one of her children – and yet he does not object now, as it is he himself who will receive the money. Even the condition, that he had dealt all too lightly with the problem of our mother in years gone by, has not made him any more principled. But all of this only goes to show how cleverly I arranged things when, in Kautzen, I immediately announced the money that awaited him! Without doubt he would have made do even with 100 Kronen from Mozio, {870} especially as he himself would never have been in a position to obtain 200 Kronen from Mozio – but I'm happy to satisfy his base nature for the price of our mother feeling truly well there; for only that, that alone, lightens the conscience of the two of us here.

*

A beautiful morning tempts me to go outdoors for a few minutes, without Lie-Liechen, who was not ready to do so and could not fit the walk in with her other obligations on account of time constraints. This short walk gives me the beneficial idea of devoting one, perhaps two days (thus also the following Sunday) to rest!

In the afternoon Hupka says goodbye, on the assumption that he will be found fit for military service. — During his lesson, Weisse turns up to tell me the following: Adler has greatly softened his stance, under the influence of his, Weisse's, work and says that he should "dedicate himself to it" if he does not otherwise want to dedicate himself to composing. In addition, he has put forward some "objections," among them being, for example, that he does not understand the terms "causality" and "synthesis"! I could not help laughing at this, as Weisse told me in the same breath that Adler is also asking for a deeper engagement with the secondary literature, thus for example the citation of all sorts of reviews from the earliest periodicals – which he verily subsumes under the rubric "music history." Probably the most amusing thing was what Adler's own assistant told Weisse, namely, that it would be a good idea for him to attend the [university] lectures, as Adler has the dangerous habit of appropriating the ideas of others and incorporating them immediately into his lectures. Even this piece of work of Weisse's, so the assistant said, was misused by Adler, who presented Weisse's very ideas as his own, using the turn of phrase: "These thoughts came to me after I had read a piece of work by Mr. Weisse." And in the end, the assistant also said that Adler had finally condescended to incorporate my theoretical writings into the seminar library. And so even this tyrant, as he appears to be, is in reality only a coward!!

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© Translation William Drabkin.

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Erste Monatssendung an Wilhelm für Mama. Zwar hat seinerzeit W. selbst der Mutter gedroht, daß er nichts zu ihrem Unterhalt beitragen werde, sobald sie bei einem ihrer Kinder Platz nehmen würde – dennoch opponiert er heute nicht, da er selbst es nun ist, der das Geld zu empfangen hat. Auch der Umstand, daß er sich all’ die Jahre her nur allzu leicht mit dem Problem der Mutter abgefunden, macht ihn nicht gerechter. Doch all’ das erweist nur wie klug ich handelte, als ich ihm in K. sofort die Gelder ver ankündigte, die seiner harren! Ohne Zweifel hätten er auch mit 100 Kronen von Mošzio vorlieb genommen, {870} zumal er selbst niemals in der Lage gewesen wäre, von M. 200 Kr. zu erreichen – aber gerne sei seiner niedrigen Natur genüge geleistet um den Preis, daß sich die Mutter dort wirklich wohl fühlt, denn nur dies allein macht uns Beiden hier das Gewissen leicht.

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Ein wundervoller Morgen lockt mich auf einige Minuten ins Freie, ohne Lie-Liechen, die darauf nicht vorbereitet gewesen u. den Spaziergang wegen der Kürze der Zeit nicht in Einklang bringen konnte mit den übrigen Forderungen. Dieser kurze Spaziergang gibt mir die wohltätige Idee ein, zwei Tage, also auch den folgenden Sonntag der Rast zu widmen!

Nachmittags nimmt Hupka Abschied in der Voraussetzung, daß er bei der Musterung für tauglich befunden wird. — In seiner Stunde erscheint Weisse, der mir folgendes erzählt: Adler lenke unter dem Eindruck der Arbeit stark ein u. meinte, er, Weisse, sollte sich dafür widmen, wenn er sich nicht sonst der Komposition widmen wollte. Ferner habe er mehrere „Einwände“ vorgebracht, [illeg]darunter z. B. den, daß er die Begriffe „Causalität“ und „Synthese“ nicht verstehe! Ich mußte dazu unwillkürlich lachen, weil da mir Weisse im selben Athem er zählte, daß Adler noch ein tieferes Eingehen auf die Literatur forderte, so z. B. Citierung von allerhand Kritiken der ältesten Musik-Zeitschriften . ., was er eben unter dem Begriff „Musikgeschichte“ subsummiert. Das Amüsanteste war wohl aber, was der eigene Assistent Adlers W. mitteilte, nämlich daß es für ihn geboten sei in die Vorlesungen zu kommen, da Adler die gefährliche Eigenschaft habe, sich Aanderer Ideen anzueignen u. sie sofort in den Vorlesungen zu verwerten. Auch schon diese Arbeit Weisses habe Adler, so erzählte der Assistent, mißbraucht, indem er mit einer Wendung „diese Gedanken machte ich mir, da ich eine Arbeit des Herrn Weisse las“ eben die Gedanken des letzteren statt der eigenen Vvortrug. Und schließlich teilte der Assistent auch mit, daß A. sich endlich herbeigelassen habe, meine theoretischen Arbeiten der Seminar-Bibliothek einzuverleiben. Also auch dieser angebliche Tyrann ist in Wahrheit nur ein Feigling!!

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© Transcription Marko Deisinger.

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First monthly consignment to Wilhelm for Mama. To be sure, Wilhelm had previously threatened our mother that he would not contribute anything to her subsistence if she were to take her place with one of her children – and yet he does not object now, as it is he himself who will receive the money. Even the condition, that he had dealt all too lightly with the problem of our mother in years gone by, has not made him any more principled. But all of this only goes to show how cleverly I arranged things when, in Kautzen, I immediately announced the money that awaited him! Without doubt he would have made do even with 100 Kronen from Mozio, {870} especially as he himself would never have been in a position to obtain 200 Kronen from Mozio – but I'm happy to satisfy his base nature for the price of our mother feeling truly well there; for only that, that alone, lightens the conscience of the two of us here.

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A beautiful morning tempts me to go outdoors for a few minutes, without Lie-Liechen, who was not ready to do so and could not fit the walk in with her other obligations on account of time constraints. This short walk gives me the beneficial idea of devoting one, perhaps two days (thus also the following Sunday) to rest!

In the afternoon Hupka says goodbye, on the assumption that he will be found fit for military service. — During his lesson, Weisse turns up to tell me the following: Adler has greatly softened his stance, under the influence of his, Weisse's, work and says that he should "dedicate himself to it" if he does not otherwise want to dedicate himself to composing. In addition, he has put forward some "objections," among them being, for example, that he does not understand the terms "causality" and "synthesis"! I could not help laughing at this, as Weisse told me in the same breath that Adler is also asking for a deeper engagement with the secondary literature, thus for example the citation of all sorts of reviews from the earliest periodicals – which he verily subsumes under the rubric "music history." Probably the most amusing thing was what Adler's own assistant told Weisse, namely, that it would be a good idea for him to attend the [university] lectures, as Adler has the dangerous habit of appropriating the ideas of others and incorporating them immediately into his lectures. Even this piece of work of Weisse's, so the assistant said, was misused by Adler, who presented Weisse's very ideas as his own, using the turn of phrase: "These thoughts came to me after I had read a piece of work by Mr. Weisse." And in the end, the assistant also said that Adler had finally condescended to incorporate my theoretical writings into the seminar library. And so even this tyrant, as he appears to be, is in reality only a coward!!

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© Translation William Drabkin.