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OJ 14/10, [8] - Handwritten double letter from Arnold & Rosa Weil to Heinrich & Jeanette Schenker, dated July 13–14, 1933
Euer erster Brief traf während meiner Abwesenheit hier ein und der zweite kurz nach meiner Rückkehr. 2 Vielen Dank für den ausführlichen Bericht und das trotz der Kleinheit ausgezeichnete Bild. Inliegend sende ich die Beilagen zurück. Ich war mit Lene in Italien, es war mein schönstes Erlebnis, ich werde bis an mein Lebensende an die Erinnerung zehren, Verona, Rom, Neapel, Capri, Venedig, in meinen kühnsten Träumen habe ich nie geglaubt, daß ich das Land der Sehnsucht einmal betreten werde. Leider konnte Arnold nicht mit; dringende Arbeiten mußten erledigt werden und fast während meiner ganzen Abwesenheit hat er täglich bis ½9h gearbeitet. {2} Auch hätte er es auf die Dauer wohl nicht mitmachen können; denn manchmal war die Sache schon ein bißchen strapaziös. Wir kannten aber dort keine Müdigkeit, wir waren unermüdlich und fleißig und haben mit Andacht all‘ die Schönheit in uns aufgenommen; Natur und Kunst. – Erst nach der Rückkehr; da war es schwer in den Alltag zurückzufinden und alles stürmte wieder auf einen ein; da unten im farbenprächtigen Süden war es so wohltuend, alles vergessen zu dürfen. Nun bin ich aber wieder ganz zuhause, freue mich mit Mann u. Kind und mit meinem wunderschönen Heim. Vor allem damit, daß wir alle G. s. D. gesund sind. {3} Damit komme ich auf das traurige Thema „Klara.“ Bis ungef. 3. Woche Mai ging es ihr so gut, daß sie Oskar bei seinem Besuch ins Kaffeehaus mitnehmen konnte. Die Ärzte und auch wir waren fest überzeugt davon, daß sie Mitte Juni mit dem Mann werde auf Urlaub gehen können. Da bekam sie einen schrecklichen Anfall, der sie ganz umgeworfen hat. Nun liegt sie seit mehr als 7 Wochen fest und da sie sich zu allem Überfluß auch noch einbildet, die Speiseröhre wäre ihr zugewachsen; und sie brächte keine Nährung hinunter, muß sie mit der Sonde künstlich ernährt werden. Oskar hat sie seither nicht besucht, schreibt ihr aber 2mal wöchentlich. Er ist ein wahrhaft armer Teufel und geht Ende d.M. nach Karlsbad, da er eine Erholung wirklich dringend nötig hat. {4} Lene wollte heute mal nach ihr schauen, schon um zu sehen, ob die Arme wirklich die Pflege hat, die man in einem ersten Sanatorium beanspruchen kann. Ich bin ziemlich pessimistisch und es wird mir sehr schwer an eine völlige Heilung zu glauben. Es fällt mir oft schwer aufs Gemüt, daß man in diesem Falle so ganz ohnmächtig ist und garnicht dazutun kann, diese schreckliche Verwirrung von ihr zu nehmen; und doch kann ich die Hoffnung nicht ganz aufgeben. Es geschehen so oft an’s Wunderbare grenzende Heilungen, warum sollen wir nicht auch mal so ein Glück haben. Nach alledem werdet Ihr begreifen, daß der arme Mann nicht in der Stimmung ist, über sein Elend zu schreiben. – Arnold will Euch noch schreiben, er kann heuer erst im Oct. an einen Urlaub denken. Ich hoffe, Ihr habet Glück mit der Wahl Euerer Sommerfrische 3 und wünsche Euch die allerbeste Erholung. [in left margin, sideways:] Der gestrige Bericht aus Veleslawin 4 meldet insofern eine leichte Besserung, als sie auf Zureden 2mal selbst Nährung auf sie sich genommen hat. Da ich den stark Beschäftigten spiele, kann ich mich nur kurz fassen. Für die Übersendung der Notiz und des Bildes danke ich bestens, beides hat mich sehr interessiert; für deinen Brief, lieber Heinrich[entity-000632], danke ich ebenfalls. Der Beginn zu einer Autogrammsammlung wurde ist mit demselben erfolgt. © Transcription Ian Bent, 2024 |
Your first letter arrived when I was away from home, and your second shortly after my return. 2 Many thanks for the detailed report and the excellent photograph (despite its smallness). I return the enclosures herewith. I was in Italy with Lene; it was my most enjoyable experience – I shall treasure it to the end of my life: Verona, Rome, Naples, Capri, Venice. Never in my wildest dreams did I think I would set foot in that country. Sadly Arnold was unable to join us. He had jobs that had to be dealt with urgently, and throughout almost my entire absence he worked every day until 8.30. {2} Also, the whole time he would have been unable to join in, because so often the going was rather strenuous. We, on the other hand, never felt weary while there; we were tireless, energetic, and devoted to taking in all the beautiful sights, nature and art. – But after we returned, it was difficult to get back into the daily routine, and it all hit us like a brick wall. Down there in the brightly-colored south it was so soothing to put it all out of our minds. Now, however, I am completely settled back into domestic life and enjoying my husband and child and my beautiful home – and above all, the fact that we are, thank God, all in good health. {3} With that, I come to the somber topic of Klara. Until about the third week in May things were going so well with her that Oskar could take her along on his trip to the coffee-house. The doctors, and even we ourselves, were firmly convinced that she would be able to go on holiday with her husband in mid-June. Then she had a terrible attack, which has completely upended her. She has now been grounded for the past seven weeks; and since, to make matters worse, she even convinced herself that her oesophagus was blocked and couldn’t get any nourishment down, she is having to be fed by tube. Since then, Oskar has not visited her, but writes to her twice a week. He is a really poor fellow and is going to Karlsbad at the end of the month because he is in really urgent need of respite. {4} Today Lene wanted to look after her, mainly in order to see whether the poor soul really has the care that one can expect of a top-line sanatorium. I’m somewhat pessimistic, and it will be very hard for me to believe in a complete recovery. It often weighs heavily on my mind that in this case one is so powerless and can do absolutely nothing to take this dreadful confusion away from her; and yet I can’t entirely give up hope. One hears so often of recoveries bordering on the miraculous – why should we too not have such a piece of good fortune? After all of this, you will understand that the poor man is in no frame of mind to write about his wretchedness. – Arnold is going to write to you; he can’t even think at the moment of a holiday until at least October. I hope you have good luck with your choice of a summer holiday 3 and wish you all the best by way of recuperation. [in left margin, sideways:] Yesterday’s report from Veleslawin 4 conveyed a slight improvement in as much as she has with some coaxing twice fed herself. Since I am acting the role of a very busy man, I can only be brief. Best thanks for sending the notice and picture. Both have interested me very much. For your letter, dear Heinrich, thank you likewise. The beginning of an Autogram Collection meets with the same reaction. © Translation Ian Bent, 2024 |
Euer erster Brief traf während meiner Abwesenheit hier ein und der zweite kurz nach meiner Rückkehr. 2 Vielen Dank für den ausführlichen Bericht und das trotz der Kleinheit ausgezeichnete Bild. Inliegend sende ich die Beilagen zurück. Ich war mit Lene in Italien, es war mein schönstes Erlebnis, ich werde bis an mein Lebensende an die Erinnerung zehren, Verona, Rom, Neapel, Capri, Venedig, in meinen kühnsten Träumen habe ich nie geglaubt, daß ich das Land der Sehnsucht einmal betreten werde. Leider konnte Arnold nicht mit; dringende Arbeiten mußten erledigt werden und fast während meiner ganzen Abwesenheit hat er täglich bis ½9h gearbeitet. {2} Auch hätte er es auf die Dauer wohl nicht mitmachen können; denn manchmal war die Sache schon ein bißchen strapaziös. Wir kannten aber dort keine Müdigkeit, wir waren unermüdlich und fleißig und haben mit Andacht all‘ die Schönheit in uns aufgenommen; Natur und Kunst. – Erst nach der Rückkehr; da war es schwer in den Alltag zurückzufinden und alles stürmte wieder auf einen ein; da unten im farbenprächtigen Süden war es so wohltuend, alles vergessen zu dürfen. Nun bin ich aber wieder ganz zuhause, freue mich mit Mann u. Kind und mit meinem wunderschönen Heim. Vor allem damit, daß wir alle G. s. D. gesund sind. {3} Damit komme ich auf das traurige Thema „Klara.“ Bis ungef. 3. Woche Mai ging es ihr so gut, daß sie Oskar bei seinem Besuch ins Kaffeehaus mitnehmen konnte. Die Ärzte und auch wir waren fest überzeugt davon, daß sie Mitte Juni mit dem Mann werde auf Urlaub gehen können. Da bekam sie einen schrecklichen Anfall, der sie ganz umgeworfen hat. Nun liegt sie seit mehr als 7 Wochen fest und da sie sich zu allem Überfluß auch noch einbildet, die Speiseröhre wäre ihr zugewachsen; und sie brächte keine Nährung hinunter, muß sie mit der Sonde künstlich ernährt werden. Oskar hat sie seither nicht besucht, schreibt ihr aber 2mal wöchentlich. Er ist ein wahrhaft armer Teufel und geht Ende d.M. nach Karlsbad, da er eine Erholung wirklich dringend nötig hat. {4} Lene wollte heute mal nach ihr schauen, schon um zu sehen, ob die Arme wirklich die Pflege hat, die man in einem ersten Sanatorium beanspruchen kann. Ich bin ziemlich pessimistisch und es wird mir sehr schwer an eine völlige Heilung zu glauben. Es fällt mir oft schwer aufs Gemüt, daß man in diesem Falle so ganz ohnmächtig ist und garnicht dazutun kann, diese schreckliche Verwirrung von ihr zu nehmen; und doch kann ich die Hoffnung nicht ganz aufgeben. Es geschehen so oft an’s Wunderbare grenzende Heilungen, warum sollen wir nicht auch mal so ein Glück haben. Nach alledem werdet Ihr begreifen, daß der arme Mann nicht in der Stimmung ist, über sein Elend zu schreiben. – Arnold will Euch noch schreiben, er kann heuer erst im Oct. an einen Urlaub denken. Ich hoffe, Ihr habet Glück mit der Wahl Euerer Sommerfrische 3 und wünsche Euch die allerbeste Erholung. [in left margin, sideways:] Der gestrige Bericht aus Veleslawin 4 meldet insofern eine leichte Besserung, als sie auf Zureden 2mal selbst Nährung auf sie sich genommen hat. Da ich den stark Beschäftigten spiele, kann ich mich nur kurz fassen. Für die Übersendung der Notiz und des Bildes danke ich bestens, beides hat mich sehr interessiert; für deinen Brief, lieber Heinrich[entity-000632], danke ich ebenfalls. Der Beginn zu einer Autogrammsammlung wurde ist mit demselben erfolgt. © Transcription Ian Bent, 2024 |
Your first letter arrived when I was away from home, and your second shortly after my return. 2 Many thanks for the detailed report and the excellent photograph (despite its smallness). I return the enclosures herewith. I was in Italy with Lene; it was my most enjoyable experience – I shall treasure it to the end of my life: Verona, Rome, Naples, Capri, Venice. Never in my wildest dreams did I think I would set foot in that country. Sadly Arnold was unable to join us. He had jobs that had to be dealt with urgently, and throughout almost my entire absence he worked every day until 8.30. {2} Also, the whole time he would have been unable to join in, because so often the going was rather strenuous. We, on the other hand, never felt weary while there; we were tireless, energetic, and devoted to taking in all the beautiful sights, nature and art. – But after we returned, it was difficult to get back into the daily routine, and it all hit us like a brick wall. Down there in the brightly-colored south it was so soothing to put it all out of our minds. Now, however, I am completely settled back into domestic life and enjoying my husband and child and my beautiful home – and above all, the fact that we are, thank God, all in good health. {3} With that, I come to the somber topic of Klara. Until about the third week in May things were going so well with her that Oskar could take her along on his trip to the coffee-house. The doctors, and even we ourselves, were firmly convinced that she would be able to go on holiday with her husband in mid-June. Then she had a terrible attack, which has completely upended her. She has now been grounded for the past seven weeks; and since, to make matters worse, she even convinced herself that her oesophagus was blocked and couldn’t get any nourishment down, she is having to be fed by tube. Since then, Oskar has not visited her, but writes to her twice a week. He is a really poor fellow and is going to Karlsbad at the end of the month because he is in really urgent need of respite. {4} Today Lene wanted to look after her, mainly in order to see whether the poor soul really has the care that one can expect of a top-line sanatorium. I’m somewhat pessimistic, and it will be very hard for me to believe in a complete recovery. It often weighs heavily on my mind that in this case one is so powerless and can do absolutely nothing to take this dreadful confusion away from her; and yet I can’t entirely give up hope. One hears so often of recoveries bordering on the miraculous – why should we too not have such a piece of good fortune? After all of this, you will understand that the poor man is in no frame of mind to write about his wretchedness. – Arnold is going to write to you; he can’t even think at the moment of a holiday until at least October. I hope you have good luck with your choice of a summer holiday 3 and wish you all the best by way of recuperation. [in left margin, sideways:] Yesterday’s report from Veleslawin 4 conveyed a slight improvement in as much as she has with some coaxing twice fed herself. Since I am acting the role of a very busy man, I can only be brief. Best thanks for sending the notice and picture. Both have interested me very much. For your letter, dear Heinrich, thank you likewise. The beginning of an Autogram Collection meets with the same reaction. © Translation Ian Bent, 2024 |
Footnotes1 Receipt of these two letters is recorded in Heinrich’s diary for July 14, 1933: “Von Rosl u. Arnold (Br.): das Bildchen u. den Aufsatz zurück; Rosl u. Lene waren in Italien; Klara ist es schon gut gegangen, nun wieder ein Rückfall – Rosl ist sehr pessimistisch – Oskar geht nach Karlsbad.” (“From Rosl and Arnold (letter): the photograph and the article returned; Rosl and Lene were in Italy; Klara had been doing well, but has now suffered another setback – Rosl is very pessimistic – Oskar is going to Karlsbad.”). 2 On July 4, 1933, Schenker recorded: “An Weil (Br.): für das Telegramm Dank, frage nach Klara u. Oskar.” (“To Weil (letter): thanks for the telegram; I ask after Klara and Oskar.”) – The telegram (OJ 14/10, [7]) had conveyed congratulations on Heinrich’s birthday on June 19. Previous to that, the diary for June 18, 1933 records: “An Rosl (Br. Lie-Liechen): das Bildchen aus dem Kinsky-Palais u. den Aufsatz M. Komorn; Erkundigung nach Klara usw” (“To Rosl (letter by Lie-Liechen): the snapshot of the Kinsky Palace and Maria Komorn’s essay; we ask after Klara, etc.”). 3 The Schenkers spent the summer of 1933 in Ilz, Styria. 4 i.e. the sanatorium in Prague in which she had been for the past eight months (cf. OJ 14/10, [3], November 20, 1932. |
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Commentary
Digital version created: 2024-07-23 |