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Hamburg, 30 Okt. 1921.

Liebster, bester H.! 1

Deinen so schön berichtenden Brief 2 kann ich leider erst heute mit Ruhe beantworten. Nicht daß ich sie jetzt schon gefunden hätte; nur ein Atempauschen im Wohnungs u. Existenzrummel! Hoffentlich kann ich diesen Winter bis nächsten Herbst aushalten, dann wird alles gut werden. Ich habe in der Schule bereits zehn Schülerinnen. Das trägt zwar nicht viel, aber ist ein gutes Fundament für die Zukunft. Günstig ist es auch, daß mein erster Privatschüler, denen ich gestern definitiv bekam, ein 13jähriger Knabe ist (er komponiert u. spielt von „allein“), bei dem einen [recte ein] Lehrerfolg auch Zinsen tragen kann. Mäcene zahlen für ihn. 2 mal wöchentlich 50 M. pro Stunde. Im November u. Jänner spiele ich in Hamburg. [?S[o]iree] Engagements. Nicht sehr gut bezahlt, aber günstig für meine Pläne. Du siehst: meine Arbeit ist ganz dem zeitigen Leben gewidmet, also höchst uninteressant für Dich in künstlerischer Hinsicht. Ich habe heute einmal Pflichten, da giebt es eben nichts; vielleicht erringe ich mir nach, nur für mich wenigstens, ein Stückchen Kunstglüte auf Erden. Denn Geld allein – – – – – – – u. s. w.

Das Steigen Deiner Lebens-Börse 3 habe ich aufmerksam überprüft. Ich wüsste nichts, was du hättest anders machen können u. sollen, bis auf den einen tschecho-slovakischen Fall. Das war kaufmännisch nicht richtig durchdacht, denn die Valuta, die dich eben nötigen deine Wiener Schüler zu erhöhen, besorgt dies ja automatich beim tsch. slov. Fall. Wenn du gar nicht gesteigert hättest, würden 100 tsch. Kr. ein Vielfaches deiner jetzigen Steigerung bedeuten. Geschehen ist geschehen. Ein trauriger Wahrspruch!

{2} Furtwängler war in Hamburg. Natürlich großer Erfolg. Er sprach wieder viel über die – – Urlinie: Wenn er auch Deine „Entdeckung“ zugiebt (sein Wort!), so vermuthe ich es [illeg]noch dennoch daß er die Meinung hat, es wäre die „Urlinie“ in seiner Begabung mit ihm schon auf die Welt geraten.

Ich habe gar keine Besprechung über dich zu Gesicht bekommen. Ich komme heuer sicher nach Wien spielen, da freue ich mich schon Dir alle Furtwängler, Spengler u. Müller-Hartmanngespräche etc. etc. in einheitlicher Weise erzählen zu können. Was ich dir mit einigen Worten erzählen werden, geht brieflich nicht auf 20 Seiten.

Von Deiner Beethoven-Ausgabe besitze ich nur die großen Bearbeitungen op. 101, 109, 110 u. 111. — Wann sind die übrigen erschienen? Tausend Dank, daß ich sie bekommen werde! Bei op. 106 würde ich dir folgenden Zahlenschlüssel empfehlen[.] Z. B.: für op. 101 machte das Honorar nach Seiten berechnet x aus. Jetzt berechne das Plus der Seitenzahl bei 106. Damit bekommst du dasselbe Honorar wie bei 101 heraus. Dann berechne die Geltentwertung, etwa als Maßstab Deine Stundensteigerungen. Deine Forderung müßte also beispielsweise lauten: Für 100 Seiten bei op. 101 bekam ich 1000 Kr. Für 200 Seiten bei op. 106 demnach 2000 Kr. Das Honorar ist aber für mich entwertet u. ich bekomme daher, ebenso wie ich von meinen Schülern inzwischen das Doppelte bekomme, 4000 K. Verstehst Du mich? Hoffentlich?

Bubi geht hier zur Schule, gilt als begabt, aber noch nicht reif genug für die „nordische Gunst“. Er kommt [continued in left margin, written sideways, including valediction and signature:] aber gut mit u. hat leider von nordischen am meisten bei seiner Aussprache profitiert. Er spricht eckelhaft [sic]hamburg’sch“. In 14 Tagen sind wir in unsere Wohnung u. ich in meiner Ordnung! Lasse gütigst bald etwas hören! Wir sind alle gesund u. grüßen viel tausend mal Tante Lie-Lie u. Onkel Heinrich!


Dein treuer
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2011


Hamburg,, October 30, 1921

Dearest, best H., 1

Alas, only today can I get down in peace and quiet to answering your wonderfully informative letter. 2 Not that [I] have really found any [peace and quiet] now: merely a short pause for breath in the hurly-burly of apartment and existence! I hope I can survive this winter and through to next Fall; [if so,] then all will be well. At school, I already have ten pupils (all female). Admittedly, that does not amount to much, but it is a good basis for the future. It is also auspicious that my first private pupil, whom I acquired for sure yesterday, is a thirteen-year-old boy (he composes and plays "on his own"), and if I make a success of teaching him, this could pay dividends. Patrons pay for him: two lessons a week at 50 Marks a lesson. In November and January I will be playing in Hamburg: [?soirée] engagements. Not very well paid, but providential for my plans. As you can see, my work is entirely dedicated to material living, and thus extremely uninteresting for you from the artistic point of view. These days, I have obligations; before, I didn't have any; maybe I will achieve, just for myself, a little piece of artistic glory on earth. After all, money alone – – – etc.

I have carefully checked the increase in value of your life securities. 3 I cannot think of anything you might or should have done differently, with the exception of the one Czechoslovak case. That was not properly considered from a commercial point of view; for the exchange rate, which recently compelled you to [raise the lesson fees of] your Viennese pupils, would have taken care of this automatically in the Czechoslovak case. If, in fact, you had not raised [those fees] at all, 100 Czech Kronen would have represented many times your current increase. What is done is done: a sad verdict!

{2} Furtwängler was in Hamburg. A great success, needless to say. He again spoke much of the – – Urlinie: even though he conceded that it was your "discovery" (his word!), I sense nevertheless that he believes that the "Urlinie" had already come into the world with him, as part of his giftedness.

I have seen no sign whatsoever of any review of your work. I am coming to Vienna for sure this year to play, and am already looking forward to being able to recount to you in great detail all my conversations with Furtwängler, Spengler, and Müller-Hartmann, etc., etc. What I will tell you in a few words would not fit into a twenty-page letter.

Of your Beethoven edition, I possess only your large-scale treatments of Opp. 101, 109, 110, and 111. — When did the others appear? A thousand thanks that I will be receiving them! For Op. 106, I would recommend to you the following formula. Suppose, for example, that the honorarium for Op. 101 amounted to x, calculated by the page. Now calculate the increase in page-count for 106. From that you derive the same honorarium as for 101. Then calculate the monetary depreciation, perhaps using your increases in lesson fees as a measure. What you demand ought thus, for example, to go as follows: for 100 pages of Op. 101 I got 1,000 Kronen; for 200 pages of Op. 106 in the same terms 2,000 Kronen. The honorarium has however for me become devalued and I [shall] therefore get, just as I have been getting double the amount from my pupils in the meantime, 4,000 Kronen. Does that make any sense? I hope so!

My little boy is going to school here. He is considered gifted, though not mature enough yet for the "Nordic taste." [continued in left margin, written sideways, including valediction and signature:] However, he is coming along nicely, and unfortunately his accent has for the most part profited from the Nordic one. He speaks an ugly Hamburg dialect. In two weeks' time, we will be in our apartment and I will be in good form! Do let us have news of you soon! We are all in good health and send many thousandfold greetings to Auntie Lie-Lie and Uncle Heinrich!


Your faithful
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2011


Hamburg, 30 Okt. 1921.

Liebster, bester H.! 1

Deinen so schön berichtenden Brief 2 kann ich leider erst heute mit Ruhe beantworten. Nicht daß ich sie jetzt schon gefunden hätte; nur ein Atempauschen im Wohnungs u. Existenzrummel! Hoffentlich kann ich diesen Winter bis nächsten Herbst aushalten, dann wird alles gut werden. Ich habe in der Schule bereits zehn Schülerinnen. Das trägt zwar nicht viel, aber ist ein gutes Fundament für die Zukunft. Günstig ist es auch, daß mein erster Privatschüler, denen ich gestern definitiv bekam, ein 13jähriger Knabe ist (er komponiert u. spielt von „allein“), bei dem einen [recte ein] Lehrerfolg auch Zinsen tragen kann. Mäcene zahlen für ihn. 2 mal wöchentlich 50 M. pro Stunde. Im November u. Jänner spiele ich in Hamburg. [?S[o]iree] Engagements. Nicht sehr gut bezahlt, aber günstig für meine Pläne. Du siehst: meine Arbeit ist ganz dem zeitigen Leben gewidmet, also höchst uninteressant für Dich in künstlerischer Hinsicht. Ich habe heute einmal Pflichten, da giebt es eben nichts; vielleicht erringe ich mir nach, nur für mich wenigstens, ein Stückchen Kunstglüte auf Erden. Denn Geld allein – – – – – – – u. s. w.

Das Steigen Deiner Lebens-Börse 3 habe ich aufmerksam überprüft. Ich wüsste nichts, was du hättest anders machen können u. sollen, bis auf den einen tschecho-slovakischen Fall. Das war kaufmännisch nicht richtig durchdacht, denn die Valuta, die dich eben nötigen deine Wiener Schüler zu erhöhen, besorgt dies ja automatich beim tsch. slov. Fall. Wenn du gar nicht gesteigert hättest, würden 100 tsch. Kr. ein Vielfaches deiner jetzigen Steigerung bedeuten. Geschehen ist geschehen. Ein trauriger Wahrspruch!

{2} Furtwängler war in Hamburg. Natürlich großer Erfolg. Er sprach wieder viel über die – – Urlinie: Wenn er auch Deine „Entdeckung“ zugiebt (sein Wort!), so vermuthe ich es [illeg]noch dennoch daß er die Meinung hat, es wäre die „Urlinie“ in seiner Begabung mit ihm schon auf die Welt geraten.

Ich habe gar keine Besprechung über dich zu Gesicht bekommen. Ich komme heuer sicher nach Wien spielen, da freue ich mich schon Dir alle Furtwängler, Spengler u. Müller-Hartmanngespräche etc. etc. in einheitlicher Weise erzählen zu können. Was ich dir mit einigen Worten erzählen werden, geht brieflich nicht auf 20 Seiten.

Von Deiner Beethoven-Ausgabe besitze ich nur die großen Bearbeitungen op. 101, 109, 110 u. 111. — Wann sind die übrigen erschienen? Tausend Dank, daß ich sie bekommen werde! Bei op. 106 würde ich dir folgenden Zahlenschlüssel empfehlen[.] Z. B.: für op. 101 machte das Honorar nach Seiten berechnet x aus. Jetzt berechne das Plus der Seitenzahl bei 106. Damit bekommst du dasselbe Honorar wie bei 101 heraus. Dann berechne die Geltentwertung, etwa als Maßstab Deine Stundensteigerungen. Deine Forderung müßte also beispielsweise lauten: Für 100 Seiten bei op. 101 bekam ich 1000 Kr. Für 200 Seiten bei op. 106 demnach 2000 Kr. Das Honorar ist aber für mich entwertet u. ich bekomme daher, ebenso wie ich von meinen Schülern inzwischen das Doppelte bekomme, 4000 K. Verstehst Du mich? Hoffentlich?

Bubi geht hier zur Schule, gilt als begabt, aber noch nicht reif genug für die „nordische Gunst“. Er kommt [continued in left margin, written sideways, including valediction and signature:] aber gut mit u. hat leider von nordischen am meisten bei seiner Aussprache profitiert. Er spricht eckelhaft [sic]hamburg’sch“. In 14 Tagen sind wir in unsere Wohnung u. ich in meiner Ordnung! Lasse gütigst bald etwas hören! Wir sind alle gesund u. grüßen viel tausend mal Tante Lie-Lie u. Onkel Heinrich!


Dein treuer
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2011


Hamburg,, October 30, 1921

Dearest, best H., 1

Alas, only today can I get down in peace and quiet to answering your wonderfully informative letter. 2 Not that [I] have really found any [peace and quiet] now: merely a short pause for breath in the hurly-burly of apartment and existence! I hope I can survive this winter and through to next Fall; [if so,] then all will be well. At school, I already have ten pupils (all female). Admittedly, that does not amount to much, but it is a good basis for the future. It is also auspicious that my first private pupil, whom I acquired for sure yesterday, is a thirteen-year-old boy (he composes and plays "on his own"), and if I make a success of teaching him, this could pay dividends. Patrons pay for him: two lessons a week at 50 Marks a lesson. In November and January I will be playing in Hamburg: [?soirée] engagements. Not very well paid, but providential for my plans. As you can see, my work is entirely dedicated to material living, and thus extremely uninteresting for you from the artistic point of view. These days, I have obligations; before, I didn't have any; maybe I will achieve, just for myself, a little piece of artistic glory on earth. After all, money alone – – – etc.

I have carefully checked the increase in value of your life securities. 3 I cannot think of anything you might or should have done differently, with the exception of the one Czechoslovak case. That was not properly considered from a commercial point of view; for the exchange rate, which recently compelled you to [raise the lesson fees of] your Viennese pupils, would have taken care of this automatically in the Czechoslovak case. If, in fact, you had not raised [those fees] at all, 100 Czech Kronen would have represented many times your current increase. What is done is done: a sad verdict!

{2} Furtwängler was in Hamburg. A great success, needless to say. He again spoke much of the – – Urlinie: even though he conceded that it was your "discovery" (his word!), I sense nevertheless that he believes that the "Urlinie" had already come into the world with him, as part of his giftedness.

I have seen no sign whatsoever of any review of your work. I am coming to Vienna for sure this year to play, and am already looking forward to being able to recount to you in great detail all my conversations with Furtwängler, Spengler, and Müller-Hartmann, etc., etc. What I will tell you in a few words would not fit into a twenty-page letter.

Of your Beethoven edition, I possess only your large-scale treatments of Opp. 101, 109, 110, and 111. — When did the others appear? A thousand thanks that I will be receiving them! For Op. 106, I would recommend to you the following formula. Suppose, for example, that the honorarium for Op. 101 amounted to x, calculated by the page. Now calculate the increase in page-count for 106. From that you derive the same honorarium as for 101. Then calculate the monetary depreciation, perhaps using your increases in lesson fees as a measure. What you demand ought thus, for example, to go as follows: for 100 pages of Op. 101 I got 1,000 Kronen; for 200 pages of Op. 106 in the same terms 2,000 Kronen. The honorarium has however for me become devalued and I [shall] therefore get, just as I have been getting double the amount from my pupils in the meantime, 4,000 Kronen. Does that make any sense? I hope so!

My little boy is going to school here. He is considered gifted, though not mature enough yet for the "Nordic taste." [continued in left margin, written sideways, including valediction and signature:] However, he is coming along nicely, and unfortunately his accent has for the most part profited from the Nordic one. He speaks an ugly Hamburg dialect. In two weeks' time, we will be in our apartment and I will be in good form! Do let us have news of you soon! We are all in good health and send many thousandfold greetings to Auntie Lie-Lie and Uncle Heinrich!


Your faithful
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/3, p. 2398, November 2, 1921: "Von Fl. (Br.): über seine Schülerzahl u. anderes." ("From Floriz (letter): about the number of his pupils and other [matters].").

2 The only letter from Schenker to Violin recorded in the diary prior to October 30 appears at OJ 3/3, p. 2395: "An Fl. (Br.): über den Verlauf der letzten Monate u. Arbeit." ("To Floriz (letter): about the course [of developments] in recent months and work.").

3 Violin presumably means the teaching and royalty income, on which Schenker depends.

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Moriz Violin, reproduced here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Moriz Violin, June 25, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2011-06-02
Last updated: 2011-06-02