L Fl ! 1

Du mußt von mir inzwischen doch wohl auch Einiges erhalten haben? Das Letzte war eine Karte, die wir dir von der „Düsseldorfer Hütte“ sandten, vor dem Aufstieg. Dieser ist nun hinter uns ‒ 3378m.! ‒ u. nun sitzen wir wieder im Thale, dessen schönere Segen genießend. Über die Tour lieber mündlich. 2

Was deine Riemann -Bedenken anbelangt, so will ich dir sagen, daß ich es mit der Widerlegung seiner Theorien nicht anders zu halten gedenke, als mit der aller übrigen Autoren, deren Theorien ich fortlaufend im II1 bald zustimmend, bald negierend geführt habe. Mit kleinem Druck unterhalb des eigenen Haupttextes.

Aus den vielen Kritiken, die mir im Laufe des Winters zukamen ‒ eine letzte in der „Frankf. Zeitung“ ist noch ausständig u. dürfte hierher in den allernächsten Tagen anlangen 3 ‒, entnehm ich, daß Stimmführung auf Grund von Stufen zu lehren, sich in Deutschland leider allgemein durchgesetzt hat. Im Interesse der Sache muß ich dagegen kämpfen u. der Nachweis erbringen, daß diese Verbindung eine desto schädlichere, je schlechter die Stufentheorie {2} fundiert ist. Ich werde die Widerlegung ganz sachlich führen, das Material ist inzwischen stark angemessen, nachdem ich bereits 3 Wochen über Riemann gesessen. Die Situation befiehlt mir die Widerlegung an; eine Bestätigung meiner richtigen Instinkte finde ich aber außerdem in all dem, was ich hier zufällig wieder gelesen habe, in J. Paul ’s „Vorschule der Aesthetik“, in Heine’s „Deutschland“ u.s.w. J. Paul gegen die übrigen Aesthetiker, u. diese umgekehrt gegen ihn, Kant gegen Wolff, Goethe contra Schlegel, Voß contra Stolberg u.s.w. Der Kampf gegen Gegner ist unausweichlich. Ich mache es ohnehin besser, weil streng sachlich. Du wirst es übrigens sehen, da ich dir die Notizen zeigen werde.

A propos: Kahnt ( Leipzig ) frug mich kürzlich um Biographie u. Werke von mir an (für ein Musiklexicon der Klavierpädagogen u. Komponisten) u. heute fragt die „ U.E. “ (Wien) um Daten. Wurdest du auch gefragt? Mindestens die „ U.E. “ müßte es tun.

Wie geht es dir? Und der Olly? 4

Wann gedenkest du nach Wien zu steuern, u. wann beginnt der Akad.? Und nebstbei eine Frage, {3} die von einigem Belang ist: Würdest du mich ein paar Nächte lang bei dir schlafen lassen können, da ich Lie-lie während der Zeit der Wohnungssuche bei mir schlafen lassen möchte? Oder ists besser, wenn Lie-Lie bei Euch die paar Nächte schläft u. ich zu Hause? Ich möchte das Hotel 5 umgehen für mich oder für sie; beinahe ists angenehmer, wenn ich bei dir schlafe, da ich Mehreres zu besprechen habe. Auch ist ein Herr weniger umständlich. Frühstück nehme ich mit Lie-Lie im Caféhaus ein. Oder hast du wegen Olly bereits eine Disposition in deiner Wohnung getroffen, die ein solches Arrangement, selbst für wenige Tage, nicht mehr möglich macht?

Eine Antwort erbitte ich jedenfalls noch hierher. Ich setzte inzwischen Riemann zu Ende fort u. beginne erst dann endgiltig II2 . Berichte mir, wie du siehst u.s.w.


Mit besten Grüßen an dich u. Olly
[signed:] Dein H.


18. 8. 1911


{4} Geehrter Herr Professor!

Die Hand, die gestern 8 Stunden lang den Bergstock getragen, kann heut' nur schwer die Feder führen ‒ ich mache es daher kurz! Sonnigste Tage, sonnigste Stimmung, glänzendster Appetit, jedoch ‒ bei vollständigster Befriedigung, kein sichtbarer Erfolg.

Beim nochmaligen Durchlesen von Heinrichs Brief kommen mir Herbstgedanken ‒ diese sind etwas weniger sonnig, doch hoffe ich bald, (vielleicht im Oktober) auf endgiltige Lösung aller Schwierigkeiten. 6

Benützen Sie den Rest der Ferien um sich vollständig zu erholen, grüßen Sie schönstens Frau Oly 7 u. seien Sie selbst bestens gegrüßt con


[signed:] Lie-Lie

© Transcription Ian Bent, 2019



Dear Floriz, 1

I feel sure you have in the meantime received another missive from me? The last one was a postcard we sent you from the Düsseldorf Hut before making the ascent. The latter is now behind us ‒ 3,378 meters! ‒ and we are now sitting back in the valley, enjoying its more beautiful blessings. 2 More about the trip when we meet.

As concerns your thoughts on Riemann, I must tell you that I don't expect to feel any differently about my refutation of his theories than I do about that of all the other authors whose theories I have dealt with in turn in Counterpoint 1, sometimes favorably, sometimes negatively, in small type below the actual main text.

From the many reviews that have reached me in the course of the winter ‒ the latest of which, in the Frankfurter Zeitung , is still pending and should arrive here in the next few days 3 ‒ I gather that the teaching of voice-leading on the basis of scale-steps has regrettably infiltrated itself all over Germany. I must, in the interests of my cause, fight against that and offer up the evidence that this association is all the more harmful the more erroneous the basis of the scale-step theory. {2} I will conduct my refutation in entirely objective terms. The material is already fully adequate for that, now that I have sat for three weeks poring over Riemann. The situation demands my refutation; I find an affirmation of my rightful instincts, moreover, in all that I have chanced to re-read while here ‒ in Jean-Paul's Introduction to Aesthetics, in Heine's Germany and so forth. Jean-Paul against the other aestheticians, and the latter vice-versa against him, Kant against Wolff, Goethe contra Schlegel, Voß contra Stolberg and so on. The fight against one's adversaries in ineluctable. In any case, I will do it better, because strictly objectively. You will see it, by the way, because I will show you my critiques.

Incidentally, Kahnt (Leipzig) asked me recently for a bio and list of my works (for a music encyclopia for piano teachers and composers), and today Universal Edition (Vienna) is asking for biographical details. Were you asked, too? At the very least UE ought to do that.

How are you? And Olly? 4

When do you expect to return to Vienna, and when does the Academy begin? And in that connection, a question {3} that is of some consequence: Would you be able to let me sleep at your place for a couple of nights, since I would like to let Lie-Lie sleep at my place while the search for an apartment is going on? Or would it be better if Lie-Lie slept at your place for the couple of nights, and I at mine? I would like to cut out the hotel 5 for me or for her. It is perhaps more agreeable if I sleep at your place, since I have several things I want to discuss with you. Also, a man is less complicated. I shall have breakfast with Lie-Lie in the coffee-house. Or have you already made an arrangement in your apartment regarding Olly that renders any such scheme, even for a few days, no longer possible?

Please in any case let me have an answer, still at this address. Meanwhile, I shall continue with and conclude Riemann and make a start at long last on Counterpoint 2. Let me know how you see it, etc.


With best wishes to yourself and to Olly
[signed:] Your H.


August 18, 1911


{4} Dear Professor,

The hand that yesterday held the alpenstock for eight hours can today only with difficulty move the pen ‒ so I will keep this short! The sunniest days, sunniest spirits, the most brilliant appetite, but ‒ with the most complete contentment no visible success.

Now that I have read through Heinrich's letter several times, my thoughts turn to the fall. These are somewhat less sunny but I hope soon (perhaps in October) to have a solution at last to all our difficulties. 6

Use the rest of the holidays to make a complete recovery, and give my warmest greetings to Oly, 7 and best wishes to yourself.


[signed:] Lie-Lie

© Translation Ian Bent, 2019



L Fl ! 1

Du mußt von mir inzwischen doch wohl auch Einiges erhalten haben? Das Letzte war eine Karte, die wir dir von der „Düsseldorfer Hütte“ sandten, vor dem Aufstieg. Dieser ist nun hinter uns ‒ 3378m.! ‒ u. nun sitzen wir wieder im Thale, dessen schönere Segen genießend. Über die Tour lieber mündlich. 2

Was deine Riemann -Bedenken anbelangt, so will ich dir sagen, daß ich es mit der Widerlegung seiner Theorien nicht anders zu halten gedenke, als mit der aller übrigen Autoren, deren Theorien ich fortlaufend im II1 bald zustimmend, bald negierend geführt habe. Mit kleinem Druck unterhalb des eigenen Haupttextes.

Aus den vielen Kritiken, die mir im Laufe des Winters zukamen ‒ eine letzte in der „Frankf. Zeitung“ ist noch ausständig u. dürfte hierher in den allernächsten Tagen anlangen 3 ‒, entnehm ich, daß Stimmführung auf Grund von Stufen zu lehren, sich in Deutschland leider allgemein durchgesetzt hat. Im Interesse der Sache muß ich dagegen kämpfen u. der Nachweis erbringen, daß diese Verbindung eine desto schädlichere, je schlechter die Stufentheorie {2} fundiert ist. Ich werde die Widerlegung ganz sachlich führen, das Material ist inzwischen stark angemessen, nachdem ich bereits 3 Wochen über Riemann gesessen. Die Situation befiehlt mir die Widerlegung an; eine Bestätigung meiner richtigen Instinkte finde ich aber außerdem in all dem, was ich hier zufällig wieder gelesen habe, in J. Paul ’s „Vorschule der Aesthetik“, in Heine’s „Deutschland“ u.s.w. J. Paul gegen die übrigen Aesthetiker, u. diese umgekehrt gegen ihn, Kant gegen Wolff, Goethe contra Schlegel, Voß contra Stolberg u.s.w. Der Kampf gegen Gegner ist unausweichlich. Ich mache es ohnehin besser, weil streng sachlich. Du wirst es übrigens sehen, da ich dir die Notizen zeigen werde.

A propos: Kahnt ( Leipzig ) frug mich kürzlich um Biographie u. Werke von mir an (für ein Musiklexicon der Klavierpädagogen u. Komponisten) u. heute fragt die „ U.E. “ (Wien) um Daten. Wurdest du auch gefragt? Mindestens die „ U.E. “ müßte es tun.

Wie geht es dir? Und der Olly? 4

Wann gedenkest du nach Wien zu steuern, u. wann beginnt der Akad.? Und nebstbei eine Frage, {3} die von einigem Belang ist: Würdest du mich ein paar Nächte lang bei dir schlafen lassen können, da ich Lie-lie während der Zeit der Wohnungssuche bei mir schlafen lassen möchte? Oder ists besser, wenn Lie-Lie bei Euch die paar Nächte schläft u. ich zu Hause? Ich möchte das Hotel 5 umgehen für mich oder für sie; beinahe ists angenehmer, wenn ich bei dir schlafe, da ich Mehreres zu besprechen habe. Auch ist ein Herr weniger umständlich. Frühstück nehme ich mit Lie-Lie im Caféhaus ein. Oder hast du wegen Olly bereits eine Disposition in deiner Wohnung getroffen, die ein solches Arrangement, selbst für wenige Tage, nicht mehr möglich macht?

Eine Antwort erbitte ich jedenfalls noch hierher. Ich setzte inzwischen Riemann zu Ende fort u. beginne erst dann endgiltig II2 . Berichte mir, wie du siehst u.s.w.


Mit besten Grüßen an dich u. Olly
[signed:] Dein H.


18. 8. 1911


{4} Geehrter Herr Professor!

Die Hand, die gestern 8 Stunden lang den Bergstock getragen, kann heut' nur schwer die Feder führen ‒ ich mache es daher kurz! Sonnigste Tage, sonnigste Stimmung, glänzendster Appetit, jedoch ‒ bei vollständigster Befriedigung, kein sichtbarer Erfolg.

Beim nochmaligen Durchlesen von Heinrichs Brief kommen mir Herbstgedanken ‒ diese sind etwas weniger sonnig, doch hoffe ich bald, (vielleicht im Oktober) auf endgiltige Lösung aller Schwierigkeiten. 6

Benützen Sie den Rest der Ferien um sich vollständig zu erholen, grüßen Sie schönstens Frau Oly 7 u. seien Sie selbst bestens gegrüßt con


[signed:] Lie-Lie

© Transcription Ian Bent, 2019



Dear Floriz, 1

I feel sure you have in the meantime received another missive from me? The last one was a postcard we sent you from the Düsseldorf Hut before making the ascent. The latter is now behind us ‒ 3,378 meters! ‒ and we are now sitting back in the valley, enjoying its more beautiful blessings. 2 More about the trip when we meet.

As concerns your thoughts on Riemann, I must tell you that I don't expect to feel any differently about my refutation of his theories than I do about that of all the other authors whose theories I have dealt with in turn in Counterpoint 1, sometimes favorably, sometimes negatively, in small type below the actual main text.

From the many reviews that have reached me in the course of the winter ‒ the latest of which, in the Frankfurter Zeitung , is still pending and should arrive here in the next few days 3 ‒ I gather that the teaching of voice-leading on the basis of scale-steps has regrettably infiltrated itself all over Germany. I must, in the interests of my cause, fight against that and offer up the evidence that this association is all the more harmful the more erroneous the basis of the scale-step theory. {2} I will conduct my refutation in entirely objective terms. The material is already fully adequate for that, now that I have sat for three weeks poring over Riemann. The situation demands my refutation; I find an affirmation of my rightful instincts, moreover, in all that I have chanced to re-read while here ‒ in Jean-Paul's Introduction to Aesthetics, in Heine's Germany and so forth. Jean-Paul against the other aestheticians, and the latter vice-versa against him, Kant against Wolff, Goethe contra Schlegel, Voß contra Stolberg and so on. The fight against one's adversaries in ineluctable. In any case, I will do it better, because strictly objectively. You will see it, by the way, because I will show you my critiques.

Incidentally, Kahnt (Leipzig) asked me recently for a bio and list of my works (for a music encyclopia for piano teachers and composers), and today Universal Edition (Vienna) is asking for biographical details. Were you asked, too? At the very least UE ought to do that.

How are you? And Olly? 4

When do you expect to return to Vienna, and when does the Academy begin? And in that connection, a question {3} that is of some consequence: Would you be able to let me sleep at your place for a couple of nights, since I would like to let Lie-Lie sleep at my place while the search for an apartment is going on? Or would it be better if Lie-Lie slept at your place for the couple of nights, and I at mine? I would like to cut out the hotel 5 for me or for her. It is perhaps more agreeable if I sleep at your place, since I have several things I want to discuss with you. Also, a man is less complicated. I shall have breakfast with Lie-Lie in the coffee-house. Or have you already made an arrangement in your apartment regarding Olly that renders any such scheme, even for a few days, no longer possible?

Please in any case let me have an answer, still at this address. Meanwhile, I shall continue with and conclude Riemann and make a start at long last on Counterpoint 2. Let me know how you see it, etc.


With best wishes to yourself and to Olly
[signed:] Your H.


August 18, 1911


{4} Dear Professor,

The hand that yesterday held the alpenstock for eight hours can today only with difficulty move the pen ‒ so I will keep this short! The sunniest days, sunniest spirits, the most brilliant appetite, but ‒ with the most complete contentment no visible success.

Now that I have read through Heinrich's letter several times, my thoughts turn to the fall. These are somewhat less sunny but I hope soon (perhaps in October) to have a solution at last to all our difficulties. 6

Use the rest of the holidays to make a complete recovery, and give my warmest greetings to Oly, 7 and best wishes to yourself.


[signed:] Lie-Lie

© Translation Ian Bent, 2019

Footnotes

1 Writing of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 For this day's climb, see diary August 17, 1911. The vacation in Sulden occupied July 1 to August 31.

3 Preserved at OC 2/p. 27, item 3, August 6, 1911, review of Kontrapunkt I by Hermann Wetzel. For earlier reviews, see ibid, pp. 23, 24, and 26. Kontrapunkt I was published on October 4, 1910, and reviews had begun to appear in January 1911.

4 "Olly", "Frau Oly": cf. "Frau O." in Schenker's diary for September 12, 1911; seemingly someone with whom Moriz Violin was in a relationshipe. See also OJ 6/5, [2], August 26, 1911.

5 See OJ 6/5, [2], August 26, 1911, for a decision on this.

6 Most likely, Jenny is referring to difficulties she faces in obtaining a divorce from her first husband, Emil Kornfeld. See OJ 6/5, [4], October 5, for the outcome of the initial court proceedings.

7 "Olly", "Frau Oly": cf. "Frau O." in Schenker's diary for September 12, 1911; seemingly someone with whom Moriz Violin was in a relationship. See also OJ 6/5, [2], August 26, 1911.

Commentary

Format
Bogen format: Letter 1: handwritten 3p letter: holograph (HS) salutation, message, valediction, and signature; Letter 2: handwritten 1p letter: holograph (JS) salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Violin, Moriz (document date-1956)--Heirs of Moriz Violin (1956-195?)--University of California, Riverside (195?--)
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2019-07-19
Last updated: 2011-06-02