L. Fl ! 1

Das war eine Überraschung, deine Karte von heute, 2 zumal die Klammer „günstig“. Nun müssen wir uns diese kurze Notiz genug sein lassen, besser als keine, besser als eine ungünstige.

Was uns hier ereilt hat, 3 hast du aus der Zeitung wohl schon entnommen. Wir schwanken zwischen Aufteilung der Colli, um sie (unter 50kg.) postfähig zu machen, u. dem Abwarten von Notbrücken zwischen Gomagoi u. Prad. 4 Ich bin für das erstere u. ich glaube, daß wir heute packen werden, um die großen Colli an unsere Quartiermacher nach Wien abzusenden. (Regnet es doch heute neuerdings in Strömen!)

Wegen des Quartiers haben wir beschlossen: Lie-Liechen soll doch lieber in ein Hotel für ein paar Tage; bei mir kann sie nicht installiert werden, weil ich ja Besuche zu empfangen habe, u. sie soll doch Blühen 5 etc. bequem auspacken u. zur Hand haben können. Vom Hotel aus werden wir meine Umgebung absuchen, eventuell Reisnerstr. 29 6 für nur sehr kurze Zeit noch einmal beziehen, um erst {2} dann die letzte Anordnung zu treffen. Daher ergeht an dich die Bitte, im Lehmann 7 nachzusehen, wie das Hotel in der Beatrixgasse 8 (nahe der Hauptstrasse) heißt ‒ ich glaube „Beatrixhof“‒, dort könnte sie ihre Colli entgegennehmen, u. ein Zimmer beziehen. Sie möchte in meiner Nähe sein, u. die Landstrasse hat ja leider keine Hotels in meiner Gegend. Soll sie einfach vorfahren, oder schon von hier aus bestellen? Ich glaube, Ersteres wäre besser, weil sie sonst, nach Sulden taxiert, sofort „nur 1. Etage“ oder dgl. erhalten würde, während sie ein einfaches Zimmerchen braucht. Meinst du nicht auch?

Du wirst ferner ersucht, beiliegenden Brief an den Advok. abzusenden, worin er angewiesen wird, der Septemberrate zu deinen Händen einzusenden. Der Alte ist nämlich in Winzendorf, u. wir haben keine Zeit mehr, Frage u. Antwort durchzusetzen, wie lange sie dort bleibt, ob sie dort auch die zum 3ten Mal eine Rate entgegennehmen könnte u.s.w.

So ist einfacher. Ebenso eventuelle Nachricht auch sonstigen Inhalts {3} per deine Adresse. Wir sind ja bald in Wien, u. da hat diese Verlegenheit eine Ende. Freilich, der größere steht noch aus. Doch darüber lieber mündlich.

Ist Wien einigermaßen erträglicher geworden?

Soviel in Eile, da wir zur Post laufen müssen, um uns den Schwierigkeiten anzubequemen.


Beste Grüße an dich, Olly 9 u. Fanny
[signed:] Dein H.


26. 8. 1911


{4} Sehr geehrter lieber Herr Professor!

Der l. Heinrich vergaß zu erwähnen, daß eine Frau Kornfeld in Sulden nicht bekannt ist, ein[e] Antwort des Dr. Glässner also unter der Adr. Schenker hierher gelangen soll!

In Eile wünsche ich nun daß sich, was Sie so plötzlich nach W. gerufen im allergünstigsten 10 Sinne erledige, grüße Sie, Frau Olli u. Fr. Fanny


herzlichst Ihre
[signed:] Lie-Lie

© Transcription Ian Bent, 2019



Dear Floriz, 1

Your postcard of today 2 came as a surprise, especially the parenthetical "auspicious." We will have to make this short note sufficient for now ‒ better than none at all, better than inauspicious.

You will surely already have gathered from the newspaper what has befallen us here. 3 We vacillate between dividing things up into parcels so as to make them eligible for posting (50 kg.) and waiting for temporary bridges to be constructed between Gomagoi and Prad. 4 I am for the former, and I believe that we will pack today so as to dispatch the large parcels to our landlady in Vienna. (We have a yet another heavy downpour going on today!)

We have made up our minds concerning accommodation. Lie-Liechen will for preference definitely [book] into a hotel for a few days. We cannot install her at my place because I have to receive visitors, and she needs to be able to unpack plants 5 etc. in comfort and have them to hand. From the hotel we will explore my neighborhood, possibly once more occupying Reisnerstraße 29 6 for only a very short time, so as {2} then to come up with a definitive solution. Accordingly, please will you look up in Lehmann 7 what the name of the hotel in the Beatrixgasse 8 (close to the Hauptstraße) is ‒ I have an idea it's the "Beatrixhof"? There she could receive her parcels and take a room. She would like to be in my neighborhood, but there are unfortunately no hotels in my part of the Landstraße district. Should she simply come on spec, or make a reservation from here in advance? I think the former would be better because, calling from Sulden she would promptly be offered "first floor only" or the like, whereas all she needs is a simple, small room. Don't you agree?

You are further requested to mail the enclosed letter to the attorney, in which he is instructed to deliver the September installment into your hands. The old fellow is in fact in Winzendorf, and we have no time to get embroiled in an argument as to how long she will stay there, whether for yet a third time she could receive an installment there, and so on.

It is simpler that way. Likewise, possible news, even with other contents, {3} via your address. We will very soon be in Vienna, and then this confusion will be at an end. Admittedly, the bigger one is still to come. But more about that when we next meet.

Is Vienna any less insufferable?

In great haste since we must run to the post in order to prepare ourselves for the difficulties [ahead].


Beste Grüße an dich, Olly 9 u. Fanny
[signed:] Dein H.


26. 8. 1911


{4} Very dear Professor,

Dear Heinrich forgot to mention that a Mrs Kornfeld in not known in Sulden; accordingly an answer from Dr. Glässner sent here must be addressed in the name of Schenker!

In haste, I hope that that which summoned you to Vienna so suddenly sorts itself out in the most auspicious manner. 10 I send greetings to you, Olli, and Fanny.


Most cordially, your
[signed:] Lie-Lie

© Translation Ian Bent, 2019



L. Fl ! 1

Das war eine Überraschung, deine Karte von heute, 2 zumal die Klammer „günstig“. Nun müssen wir uns diese kurze Notiz genug sein lassen, besser als keine, besser als eine ungünstige.

Was uns hier ereilt hat, 3 hast du aus der Zeitung wohl schon entnommen. Wir schwanken zwischen Aufteilung der Colli, um sie (unter 50kg.) postfähig zu machen, u. dem Abwarten von Notbrücken zwischen Gomagoi u. Prad. 4 Ich bin für das erstere u. ich glaube, daß wir heute packen werden, um die großen Colli an unsere Quartiermacher nach Wien abzusenden. (Regnet es doch heute neuerdings in Strömen!)

Wegen des Quartiers haben wir beschlossen: Lie-Liechen soll doch lieber in ein Hotel für ein paar Tage; bei mir kann sie nicht installiert werden, weil ich ja Besuche zu empfangen habe, u. sie soll doch Blühen 5 etc. bequem auspacken u. zur Hand haben können. Vom Hotel aus werden wir meine Umgebung absuchen, eventuell Reisnerstr. 29 6 für nur sehr kurze Zeit noch einmal beziehen, um erst {2} dann die letzte Anordnung zu treffen. Daher ergeht an dich die Bitte, im Lehmann 7 nachzusehen, wie das Hotel in der Beatrixgasse 8 (nahe der Hauptstrasse) heißt ‒ ich glaube „Beatrixhof“‒, dort könnte sie ihre Colli entgegennehmen, u. ein Zimmer beziehen. Sie möchte in meiner Nähe sein, u. die Landstrasse hat ja leider keine Hotels in meiner Gegend. Soll sie einfach vorfahren, oder schon von hier aus bestellen? Ich glaube, Ersteres wäre besser, weil sie sonst, nach Sulden taxiert, sofort „nur 1. Etage“ oder dgl. erhalten würde, während sie ein einfaches Zimmerchen braucht. Meinst du nicht auch?

Du wirst ferner ersucht, beiliegenden Brief an den Advok. abzusenden, worin er angewiesen wird, der Septemberrate zu deinen Händen einzusenden. Der Alte ist nämlich in Winzendorf, u. wir haben keine Zeit mehr, Frage u. Antwort durchzusetzen, wie lange sie dort bleibt, ob sie dort auch die zum 3ten Mal eine Rate entgegennehmen könnte u.s.w.

So ist einfacher. Ebenso eventuelle Nachricht auch sonstigen Inhalts {3} per deine Adresse. Wir sind ja bald in Wien, u. da hat diese Verlegenheit eine Ende. Freilich, der größere steht noch aus. Doch darüber lieber mündlich.

Ist Wien einigermaßen erträglicher geworden?

Soviel in Eile, da wir zur Post laufen müssen, um uns den Schwierigkeiten anzubequemen.


Beste Grüße an dich, Olly 9 u. Fanny
[signed:] Dein H.


26. 8. 1911


{4} Sehr geehrter lieber Herr Professor!

Der l. Heinrich vergaß zu erwähnen, daß eine Frau Kornfeld in Sulden nicht bekannt ist, ein[e] Antwort des Dr. Glässner also unter der Adr. Schenker hierher gelangen soll!

In Eile wünsche ich nun daß sich, was Sie so plötzlich nach W. gerufen im allergünstigsten 10 Sinne erledige, grüße Sie, Frau Olli u. Fr. Fanny


herzlichst Ihre
[signed:] Lie-Lie

© Transcription Ian Bent, 2019



Dear Floriz, 1

Your postcard of today 2 came as a surprise, especially the parenthetical "auspicious." We will have to make this short note sufficient for now ‒ better than none at all, better than inauspicious.

You will surely already have gathered from the newspaper what has befallen us here. 3 We vacillate between dividing things up into parcels so as to make them eligible for posting (50 kg.) and waiting for temporary bridges to be constructed between Gomagoi and Prad. 4 I am for the former, and I believe that we will pack today so as to dispatch the large parcels to our landlady in Vienna. (We have a yet another heavy downpour going on today!)

We have made up our minds concerning accommodation. Lie-Liechen will for preference definitely [book] into a hotel for a few days. We cannot install her at my place because I have to receive visitors, and she needs to be able to unpack plants 5 etc. in comfort and have them to hand. From the hotel we will explore my neighborhood, possibly once more occupying Reisnerstraße 29 6 for only a very short time, so as {2} then to come up with a definitive solution. Accordingly, please will you look up in Lehmann 7 what the name of the hotel in the Beatrixgasse 8 (close to the Hauptstraße) is ‒ I have an idea it's the "Beatrixhof"? There she could receive her parcels and take a room. She would like to be in my neighborhood, but there are unfortunately no hotels in my part of the Landstraße district. Should she simply come on spec, or make a reservation from here in advance? I think the former would be better because, calling from Sulden she would promptly be offered "first floor only" or the like, whereas all she needs is a simple, small room. Don't you agree?

You are further requested to mail the enclosed letter to the attorney, in which he is instructed to deliver the September installment into your hands. The old fellow is in fact in Winzendorf, and we have no time to get embroiled in an argument as to how long she will stay there, whether for yet a third time she could receive an installment there, and so on.

It is simpler that way. Likewise, possible news, even with other contents, {3} via your address. We will very soon be in Vienna, and then this confusion will be at an end. Admittedly, the bigger one is still to come. But more about that when we next meet.

Is Vienna any less insufferable?

In great haste since we must run to the post in order to prepare ourselves for the difficulties [ahead].


Beste Grüße an dich, Olly 9 u. Fanny
[signed:] Dein H.


26. 8. 1911


{4} Very dear Professor,

Dear Heinrich forgot to mention that a Mrs Kornfeld in not known in Sulden; accordingly an answer from Dr. Glässner sent here must be addressed in the name of Schenker!

In haste, I hope that that which summoned you to Vienna so suddenly sorts itself out in the most auspicious manner. 10 I send greetings to you, Olli, and Fanny.


Most cordially, your
[signed:] Lie-Lie

© Translation Ian Bent, 2019

Footnotes

1 The writing of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 This postcard is not known to survive. The reference to "Klammer 'günstig'" is therefore unclear.

3 Schenker's diary records that a major storm struck the Sulden area on August 22, causing rock falls (moraines), washing out roads, and leaving communications broken for several days. The Schenkers were unable to leave Sulden until August 31.

4 Gomagoi: Gomagoi: village (1,275m) 11km (6½ miles) north-northwest of Sulden, in the South Tyrol. It lies in the Trafoi Valley at the point where the Sulden Valley branches off to the south-southeast toward Sulden; Prad: Prad am Stilfser Joch: 9km (5 miles) north-north-east of Sulden. For both of these, see Schenker's diary for August and September 1911.

5 Blühen: presumably plants in soil (dug up in the Sulden area), which would now need to be watered.

6 Since Heinrich had not previously lived at No. 29, this may imply that Jenny had done so. No. 29 was a two-storey building with nineteen apartments, owned by Josef Legat.

7 Lehmann: the Vienna street directory, Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger.

8 Beatrixgasse: district III (Landstraße), runs from Am Heumarkt to the Landstraße Hauptstraße, crossing the Reisnerstraße and the Rechte Bahngasse. The address of the Hotel-Restaurant Beatrix was Vienna III, Hauptstraße 10/12, entrance on the Beatrixgasse 60.

9 Olly, Frau Olli: cf. "Frau O." in Schenker's diary for September 12, 1911; seemingly someone with whom Moriz Violin was in a relationship. See also OJ 6/5, [1], August 18, 1911.

10 "allergünstigen": intensified allusion to "günstig" in Violin's postcard.

Commentary

Format
Bogen format: Letter 1: handwritten 2 1/2p letter: holograph (HS) salutation, message, valediction, and signature; Letter 2: handwritten 1/2p letter: holograph (JK) salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Violin, Moriz (document date-1956)--Heirs of Moriz Violin (1956-195?)--University of California, Riverside (195?--)
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2019-07-19
Last updated: 2011-06-02